Ein Bier auf der Straße zu trinken, ein Graffito auf eine Bretterwand zu malen oder mangels Bleibe auf dem Pflaster zu schlafen sind unter der Regierung von Rudolph Giuliani ausreichende Gründe, eine Nacht im Gefängnis zu verbringen. Die Kriminalisierung der Armut, die Omnipräsenz uniformierter Gesetzeshüter und andere unpopuläre Maßnahmen seines Zero Tolerance-Programms haben nach der ersten Euphorie über sinkende Verbrechensraten dazu geführt, dass der New Yorker Bürgermeister immer häufiger Begriffe wie "Faschist" oder "Polizeistaat" zu hören bekommt. Hans Haackes Arbeit für die Whitney Biennale, in der Giuliani mit Zensoren des Dritten Reiches verglichen wird, trifft also eine verbreitete Stimmung. Während Giuliani allerdings im vergangenen November noch erpresserisch gegen die britische Sensation-Ausstellung vorgegangen war, brachte er gegen Haackes Installation mit dem Titel Sanitation nur verbal sein Missfallen zum Ausdruck. Marylou Whitney, die Schwiegertochter der Museumsgründerin Gertrude Vanderbilt Whitney, zog allerdings daraufhin ihre Unterstützung der Biennale zurück und stellte sich hinter den Vorwurf der Anti-Defamation League, Haackes Kunstwerk trivialisiere den Holocaust.

Auch die Journalistin Marcia Pally, die 1994 ein Buch über Zensur im zeitgenössischen amerikanischen Kunstbetrieb veröffentlicht hat, hält Haackes Parallele für übertrieben: "Giuliani ist ein Republikaner mit Law-&-Order-Tendenzen, aber er ist kein Mussolini und kein Nazi. Bei der Sensation-Kontroverse bediente er sich aus reinen Publicity-Gründen des Extremismus. Nazi-Ikonografie ist auch extremistisch. Ist sie angemessen?

Nein. Ist sie erlaubt? Aber ja - diese Diskussionen sind das Herz der Demokratie."

"Haacke trifft genau ins Schwarze", sagt dagegen der ehemalige Direktor des Kunstmuseums Luzern, Martin Kunz, der seit zehn Jahren als Ausstellungsmacher und Publizist in New York lebt. "Seit das National Endowment for the Arts, das NEA, unter republikanischem Druck mehr oder weniger zusammengebrochen ist, üben einige Parlamentarier einen höchst undemokratischen Einfluss auf die Kulturpolitik aus. Giuliani ist noch radikaler, er setzt sich über gewählte Gremien hinweg und überschreitet auch in anderen Bereichen permanent seine Kompetenz. Der Vorwurf des Faschismus lag in der Luft." Bereits 1998 formulierte ihn zum Beispiel ein Kabarett mit dem Stück Entartete Kunst. Doch war die Produktion wohl zu klein, um für Aufruhr zu sorgen.

Laut George Bernard Shaw beginnt alle Wahrheit mit Blasphemie, und an dieses Motto hielt sich in den achtziger Jahren ein Großteil der urbanen Kunstszene, allen voran Andres Serrano, dessen in Künstlerurin getauchter Piss Christ den so genannten "Kulturkrieg" mit entflammte. Auch heute noch versuchen sich Künstler in Push your Button Art, wie es Jef J. Bourgeau nennt - seine Ausstellung vor vier Monaten im Detroit Museum, die einen Christus am Kreuz mit Kondom sowie einen Haufen menschlicher Exkremente präsentierte, wurde nach zwei Tagen geschlossen. Terrence McNallys Stück Corpus Christi, das von einem homosexuellen Jesus inmitten einer schwulen Jüngerschar handelt, kam 1998 zunächst gar nicht auf die Bühne, später wurde die Produktion jedoch ohne nennenswerte Proteste aufgeführt. Zwar berichtet die American Library Association, dass die Zahl der Klagen gegen Bücher mit anstößigem Inhalt (etwa das wegen seiner erotischen Passagen immer wieder angegriffene Tagebuch der Anne Frank) von 760 im Jahr 1994 auf 595 am Ende des Jahrtausends zurückgegegangen ist, doch der Einfluss der christlichen Fundamentalisten bleibt vielerorts spürbar.

Schlimmer als die Zensurbestrebungen rechter Politiker und Organisationen findet Martin Kunz die Selbstzensur, die inzwischen reflexartig bei der leisesten Gefahr einer Kontroverse einsetzt. So sagte das Whitney Museum 1998 abrupt die lange vorbereitete Ausstellung The Great American Nude unter dem Vorwand finanzieller Einsparungen ab, als Karen Finley ihre Klage gegen die Anstandsklausel des National Endowment for the Arts verlor. Die notorisch nackte, gelegentlich mit Schokolade beschmierte Künstlerin hätte in der Ausstellung als Aktmodell auftreten sollen, doch nach ihrer Niederlage vor dem Obersten Gerichtshof war das wohl zu riskant.

Es ist erstaunlich, dass in einer Ära, wo alle nur erdenklichen Varianten intimer Beziehungen zwischen realen Personen in Fernseh-Talkshows einem schamlos voyeuristischen Publikum vorgeführt werden, Sex, besonders gleichgeschlechtlicher, und Nacktheit in der Kunst nach wie vor das größte Ärgernis erwecken. 1992 eliminierten die Manager einer Boutique in Missouri eine "schockierende" Nachbildung der Venus von Milo, und "rechte Feministinnen" (Pally) verlangten zum Beispiel die Ent fernung einer Reproduktion von Goyas "frauenfeindlicher" Maja Desnuda aus den Büroräumen einer Universität. Doch auch in anderen Bereichen kommt man potenziellen Kritikern mit vorauseilendem Gehorsam entgegen: Eine Ausstellung über den Enola-Gay-Bomber im National Air and Space Museum in Washington wurde drastisch geändert, nachdem sich Kriegsveteranen dagegen wehrten, die Japaner als Opfer der Atombombe dargestellt zu sehen. Die Library of Congress ließ eine Fotoausstellung über Sklaven und ihre Quartiere auf Plantagen fallen, als sich afroamerikanische Angestellte der Bibliothek durch die Bilder beleidigt fühlten. Dann kapitulierte sie vor den Attacken eines Psychologen, der gegen eine geplante Freud-Ausstellung als "Aufpolieren des bankrotten Unternehmens Psychoanalyse" randalierte - das Projekt wurde schließlich von anderen Institutionen gerettet.