11. Mai 1974

Nach der Lage fand ich in meinem Büro die Nachricht, Egon Bahr wolle mich dringend sprechen. Er war zunächst besetzt. Börner war bei ihm. 10 Minuten später ließ er mich bitten. Er war starr. Er teilte mir mit, am Sonntag sei die Entscheidung des Kanzlers gefallen: er wolle zurücktreten.

Am Samstag nach dem Mittagessen, also eine Stunde nach unserer Unterhaltung, fuhr WB nach Münstereifel zu einer Konferenz führender Sozialdemokraten und führender Gewerkschaftler. Die Gespräche dieses Samstags und Sonntags, vor allem mit Schmidt und Wehner, wurden in den folgenden Tagen immer deutlicher.

Ich will aber hier das Ergebnis vorwegnehmen: Helmut Schmidt riet dringend, und wie ich meine, auch mit Ehrlichkeit, vom Rücktritt ab. Er fürchtet vielleicht auch ein wenig, nun plötzlich mit der Verantwortung allein zu sein. Er beschwor Willy Brandt, Parteivorsitzender zu bleiben, denn er könne die Partei nicht zusammenhalten. Herbert Wehners Reaktion zurückhaltender und generell warnendes Gemurmel. Keine entschiedene Äußerung, daß WB durchhalten müsse und daß er, Wehner, diesen Kampf mit ihm kämpfen werde.

Egon Bahr war ruhig, als er mir die Nachricht gab. Er fügte hinzu, der Kanzler könne mich in diesem Moment nicht sehen, also habe er ihn gebeten, mit mir zu reden. Ich nahm die Mitteilung wohl ein wenig starr auf. Ich fragte, ob alles bedacht sei, und dann faßte ich meine Argumente vom Samstag noch einmal zusammen: das schreckliche Risiko für den Staat, für die Demokratie, die Furcht, daß wir vor die Hunde gehen. Und Europa dazu. Wie sehr Europa Willy Brandt in seiner tiefsten Krise brauche. Egon Bahr blieb fest: Willy Brandt könne es nicht mehr durchkämpfen. Er war im Begriff, mir die Kombination von Fatalitäten anzudeuten (die ich erkannte), die sein Argument stützen. Dann kam Gaus dazu. Genauso ruhig wie Bahr. Er machte keineswegs einen verstörten Eindruck. Ich fragte mich, ob dies nur Disziplin sei. An seinem Gesicht fiel mir - ich will ihm nicht Unrecht tun - der ununterdrückbare Glanz einer Zufriedenheit, einer Befriedigung auf.

Ich gehe an meinen Schreibtisch. Schreibe drei Briefe. Einen Brief an den Kanzler: eine Beschwörung. Ich flehe ihn noch einmal an, der Staat, Europa, das darf er nicht im Stich lassen.

Willy Brandt hat seinen Brief, in dem er um Rücktritt bat, an Bundespräsident Heinemann schon geschrieben. Heinemann ist zu seinem Abschiedsbesuch in Hamburg. Grabert soll hinfliegen. Ich traf Grabert gegen 11.30 Uhr im Vorzimmer. Auch er ist der Meinung: eine falsche Entscheidung. Er hat am Sonntag, wie er mir sagt, BK mit ähnlichen Argumenten wie ich zugesprochen.