Nach außen ist Hartmut Mehdorn freundlich und ruhig wie stets, wenn er seine Geschäftspolitik erläutert. Aber der Chef der Deutschen Bahn AG steht unter Druck, das kann er nicht verbergen. Stressringe um die Augen, ein Zigarillo nach dem andern, die Beine nervös in Bewegung - gelassen ist der Mann nicht, und das ist leicht verständlich. Im Dezember vergangenen Jahres trat er an, die Bahn in den Erfolg zu lenken. Stattdessen ist sie auf dem Weg in tiefrote Zahlen. Und zu allem Überfluss droht ihr nun auch zum ersten Mal seit acht Jahren ein massiver Streik.

"Wir treten nicht an, um einen Kahlschlag zu veranstalten", beteuert Mehdorn.

Aber was auf die 240 000 Eisenbahner zukommt, wird ihnen wehtun. Bis zu 70 000 von ihnen will die Bahn loswerden, und selbst wenn - so Mehdorns Vorstellung - die Hälfte davon durch natürliche Fluktuation und Vorruhestand ausscheidet, bleiben 35 000 unfreiwillige Abgänge. Sogar betriebsbedingte Kündigungen, bisher streng tabu, sind nicht mehr ausgeschlossen.

Damit nicht genug. In allen Bereichen der Bahn soll die Arbeitszeit um drei Stunden in der Woche gesenkt werden - mit entsprechender Kürzung der Bezüge.

Tarifliche Lohnerhöhungen will die Bahn in den kommenden Jahren mit bestehenden Zulagen verrechnen. "Was wir den Mitarbeitern zumuten wollen, ist durchaus vertretbar", beschwichtigt Horst Föhr, im Bahnvorstand für Personal zuständig. Er rechnet vor, dass der Bahner mit 40 000 Mark netto im Jahr gerade mal auf knapp 2000 Mark verzichten müsste, die man ihm vom Weihnachtsgeld abzieht.

Verständlicherweise ist das nicht nach dem Geschmack der Belegschaft. Günter Kirchheim, der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats: "Woran soll die wiederholt bewiesene Leistungsbereitschaft der Eisenbahner bemessen werden?

An den Dumpinglöhnen osteuropäischer Leiharbeiter?" Erbost schimpft Norbert Hansen, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED): "Begreift endlich, dass wir es bei der Bahn mit Menschen und nicht mit Kostenfaktoren zu tun haben."