Es gehört Mut dazu, in einer Männerrunde offen zu sagen, dass man Julianne Moore sexy findet. Denn an dieser Frau stimmt auf den ersten Blick nichts, sie hat von allem entweder zu viel oder zu wenig: das Becken zu breit, der Hintern zu flach, die Brust zu klein, die Haut zu weiß, die Lippen zu schmal, die Nase zu gerade, außerdem geht sie stramm auf die 40 zu. Hollywoodstars, von denen Männer träumen, sehen eigentlich anders aus und heißen Cameron Diaz oder Heather Graham.

Wie soll man also erklären, warum es einem ausgerechnet die Moore angetan hat? Das langweilige Argument, dass sie eine viel bessere Schauspielerin ist als die Diaz oder die Graham, vielleicht sogar die beste der letzten Jahre, nein, kann man vergessen. Gute Leistungen im Beruf machen Eindruck, aber sie sind nicht alles. Oder würde sich jemand ein Bild von Angela Merkel über das Bett hängen, nur wegen ihrer guten Ergebnisse in den Umfragen?

Also ein neuer Ansatz, und der heißt: Gefahr! Julianne Moore hat rote Haare, und sie trägt gerne schwarze, glänzende Kleidung, sie macht sich also zurecht wie eine moderne Hexe. Klingt natürlich ein bisschen dämlich, aber es ist wahr: Einer Frau, die aussieht wie eine Hexe, begegnen Männer mit Respekt und Neugier. An die Tatsache, dass die Moore im Privatleben treue Gattin, Hausfrau und Mutter ist und sich am liebsten um den Garten kümmert, darf man einfach nicht denken. Dann schon lieber an das Bild, dass neulich bei einer Modenschau in New York aufgenommen wurde. Da saß die Moore zwischen zwei anderen berühmten Hausfrauen: Madonna und Ivana Trump. Wer von den Dreien hatte wohl das beste Outfit und das coolste Grinsen? Richtig. Madonna. Aber Julianne Moore saß daneben und sah aus, als würde sie insgeheim über einen versauten Witz lachen, den ihr Mann beim Frühstück erzählt hatte. Sie machte eine prima Figur.

Die Moore soll jetzt den Oscar bekommen, und es ist gerecht, wenn sie ihn ausgerechnet für Das Ende einer Affäre kriegt. Zwar ist dies einer ihrer schwächeren Filme, eine Dreiecksgeschichte nach einem Roman von Graham Greene. Aber Regisseur Neil Jordan lässt die Darsteller ständig ganz melodramatisch gucken, und da kann die Moore eine ihrer Stärken ausspielen: Heulszenen, die ja einen Film oft zerstören, schaut man sich mit ihr gerne an. Sie kann so herrlich wütend und verzweifelt sein, dass es einfach eine Freude ist. Das war schon in Boogie Nights so, und in dem großartigen Magnolia wird es wieder so sein.

Die größte Anerkennung für die Leistungen der Moore ist aber ein Film, den sie gerade dreht: In Hannibal, der Fortsetzung von Das Schweigen der Lämmer, beerbt sie als Clarice Starling Jodie Foster. Endlich spielt die Moore mal nicht das Opfer der widrigen Umstände, sondern die Frau, die diese Umstände aus dem Weg räumt. Wenn dieser Film in die Kinos kommt, braucht sich niemand mehr dafür zu schämen, Julianne Moore sexy zu finden.