Es gibt doch nichts Wunderbareres als ein Ensemble!" Tom Stromberg springt auf und strahlt. Er setzt das glücklichste Lächeln auf, das besitzstolze Intendanten überhaupt lächeln können. Und noch einmal präsentiert er dem Besucher, am Ende des langen Gesprächs, die Porträtgalerie, die an die kahle Wand des Konferenzraums gepinnt ist. Rund 30 Schauspieler und Schauspielerinnen sind in Fünferkolonnen aufgereiht. Ein paar altvertraute und prominente Gesichter darunter, Ilse Ritter etwa und Marlen Diekhoff, die dem Deutschen Schauspielhaus also weiterhin angehören werden, aber auch zahlreiche neue, unbekannte - und auffällig viele junge.

Strombergs Zeigefinger springt von Foto zu Foto: Aus Bochum! Aus Köln! Aus Hannover! Bei einigen Akquisitionen verharrt er länger: etwa bei Alexander Simon, der sich aus der Wiener Burg hat weglocken lassen, bei Samuel Weiss, der gegen Ende der ersten Spielzeit aus Stuttgart dazustoßen wird. In Hamburg werden sie zu den neuen Protagonisten im Team gehören.

Tom Stromberg weiß, worauf es jetzt ankommt für ihn - und sein Bild in der Öffentlichkeit. Er weiß, dass der künftige Intendant der größten deutschen Bühne, Nachfolger des erfolgreichen Frank Baumbauer, bei seinem Start im Oktober 2000 nicht nur mit geballter Neugier, sondern auch mit Skepsis, ja offenem Misstrauen rechnen muss. Denn vielen in der Theaterwelt gilt der 39-Jährige, trotz seiner unbestritten kreativen Direktionsjahre am Frankfurter Theater am Turm (TAT) von 1986 bis 1996, inzwischen als Prototyp des glatten, standpunktlosen Kulturmanagers: cool, clever, instinktsicher, durchsetzungsstark - aber ohne Sensus für Tradition, ohne wirkliches Interesse am ästhetischen Gegenstand. Und er steht unter einem Generalverdacht, den kürzlich auch Jürgen Flimm, der scheidende Hamburger Thalia-Prinzipal, in einem Interview erneuerte: dem des potenziellen Ensemblevernichters. Nicht wenige argwöhnen, der künftige Chef des Deutschen Schauspielhauses sei bereit, zugunsten eines bunten internationalen Gastspiel-Event-Betriebs, wie er ihn schon am TAT auf Touren brachte, das Ensemble, die Seele des deutschen Stadt- und Staatstheaters, zu opfern.

Zumindest à la longue.

Es ist ja auch gar nicht zu leugnen: Stromberg baut Personal ab. Nicht mehr 37 Schauspieler wie noch bei Baumbauer, nur knapp 30 erhalten feste Verträge.

Die finanziellen Vorgaben der Politik, sagt er, lassen ihm keine andere Wahl.

Doch akzeptiert er sie (und macht sich sogleich auf die Suche nach Sponsoren), akzeptiert ausdrücklich die Festschreibung der 36,2-Millionen-Subvention auf drei Jahre und die zusätzliche Auflage, die Tariferhöhungen, jedenfalls bis zur Höhe von zwei Prozent, aus eigenen Kräften aufzufangen. Auch in Technik und Verwaltung hat er eingespart, rund 40 von 400 Positionen. Vertretbar findet er auch dies - und als Strukturmaßnahme sogar sinnvoll. Das deutsche Theatersystem halte stets die Personalkapazität "für den Super-GAU", für den schlimmsten Tag des Jahres bereit. "Wir fahren das jetzt runter", sagt Stromberg. In Spitzenzeiten wird man sich auf dem freien Markt Verstärkung holen.