Nicht nur Lenin liegt bei uns im Mausoleum auf dem Roten Platz offen präsentiert. Vorsicht! Ein offener Sarg, in dem ein hergerichteter Verstorbener auf die Totenmesse wartet, kann in jeder Kirche auf Sie lauern.

Warum peinigen die Russen bloß ihre Seele so, wenn sie einem Toten das letzte Geleit geben? Warum nur führt man die aschfahlen Verwandten am Arm zum offenen Sarg, damit sie, halb von Sinnen, dem Toten übers Haar streichen?

Warum?, wundern sich die Russen. Man kann doch nicht einfach eine verschlossene Kiste begraben! Auf einmal ist sie leer, oder es liegt der Falsche drin. Da soll die Kiste schon lieber offen bleiben. So ist es eben Sitte - ob Zar, ob Knecht.

Katholische Beerdigungen sind für uns ein mondäner Spaziergang unter schwarzem Schleier, eine Versammlung von gut gebügelten Anzügen und Kostümen.

Und protestantische Begräbnisse erst - ach, die spärlichen Tränchen können das russische Gefühl der Selbstzerfleischung keineswegs befriedigen. Wir sind eben geboren, um uns in Fetzen zu reißen - bis hin zur Katharsis der russischen Beerdigung.

Eure westlichen Gräber sind viel zu schön ausgehoben, zurechtgemacht wie Betten, von allen Seiten gegen Würmer geschützt. Unsere sehen ganz anders aus - da sind Zigarettenkippen drin. Der westliche Verzicht auf einen üppigen Leichenschmaus ist Konsequenz eines geizigen Lebens wir brauchen einen langen Abschied mit reich gedeckter Tafel, der allmählich in geräuschvolles Vergessen und wodkaseliges Nichtsein übergeht.

Aber eines weiß ich sicher, denn ich habe oft Tote in offenen Särgen gesehen: Dies verdirbt nur die Erinnerung an sie. Die einen bemerken ausschließlich das Tote im unbedeckten Gesicht des Verstorbenen, die anderen wollen nur seine Schönheit sehen: Er sieht sich überhaupt nicht mehr ähnlich!