Alles wird neu. Das ist die Botschaft, die Europas Staats- und Regierungschefs diese Woche vom EU-Gipfel in Lissabon unter ihre Völker bringen wollen. New Economy, Erneuerung per Reform, neue Jobs - wer wollte etwas einwenden gegen solcherlei Segen für die Alte Welt? Nur sind Zweifel erlaubt, dass die Veranstaltung sonderliche Folgen zeitigen wird.

"Beschäftigung, Wirtschaftsreformen und sozialer Zusammenhalt - für ein Europa der Innovation und des Wissens" lautet das endlose Motto der Veranstaltung. Kürzer gesagt: Für jeden etwas. Blair und Aznar dozieren über Reformen, Jospin und Juncker reden derweil übers Soziale. Und Beschäftigung, Innovation sowie mehr Wissen wollen sowieso alle. Als Ausweg aus dieser Falle wohlfeiler Unverbindlichkeit bleibt dem Gipfel nur, sich auf konkrete, möglichst quantifizierte Ziele zu einigen - samt Stichtagen, bis wann welches Ziel erreicht werden soll.

Dieses Rezept hilft den Europäern in aller Regel auf die Beine. So war's beim historischen Euro-Fahrplan von Maastricht, so ist's seit dem eher bescheidenen Job-Gipfel von Luxemburg im November 1997: Damals beschlossen die 15 EU-Partner zum Beispiel, binnen fünf Jahren handfest mehr zu tun für Jugendliche und für Langzeitarbeitlose. Wunder wurden seither nirgendwo beobachtet - aber aus Sorge vor einer Blamage tut jede Regierung wenigstens etwas mehr als zuvor. Das übersteigt - immerhin - alles, was bisher aus den Beschlüssen manch anderer EU-Gipfel wurde: So hinterließen der Appell von Cardiff zu mehr Strukturreformen (im Juni 1998) wie auch ein Jahr später die Verkündung des "Makroökonomischen Dialogs in Europa" beim Gipfel zu Köln wenig Spuren in der Wirklichkeit.

Dass Europas Papier überaus geduldig ist, weiß auch Antonio Guterres, der portugiesische Premier und Gastgeber von Lissabon. Schließlich war er oft genug dabei - in Luxemburg, in Cardiff, in Köln. Guterres hat gelernt, weshalb er nun (erstens) den Wirrwarr verschiedenster Gipfelbeschlüsse samt ihren Folgeprozessen ordnen will: Europas Beschäftigungs-, Struktur- und makroökonomische Politik werden gebündelt. Und er jettete (zweitens) seit Wochen von Hauptstadt zu Hauptstadt, um seinen 14 Kollegen die Zustimmung zu wenigstens ein paar konkreten Selbstverpflichtungen abzuringen. Es scheint, als könnte Lissabon doch Folgen haben. Nach dem Willen der Brüsseler Kommission soll sich jede EU-Nationen vornehmen, bis 2001 alle Schulen ans Internet anzuschließen. Oder endlich nach einem detaillierten Fahrplan bis 2005 Europas Finanzmärkte zu integrieren. Das würde, hier und da, jeder Regierung politisch ein wenig wehtun - aber unterm Strich könnten alle in Europa gewinnen. Jedenfalls ein bisschen.

Gerade die Bundesregierung freilich zögert. Zwar hat Gerhard Schröder inzwischen - mehr aus Freundschaft zu seinem Parteifreund Guterres denn aus Überzeugung - seinen Widerstand gegen ein europäisches Wachstumsziel von jährlich drei Prozent aufgegeben. Aber der Kanzler will vermeiden, aus Lissabon mit zu vielen Hausaufgaben im Gepäck zurückzukommen. Schon gar nicht will er an Vorsätze glauben, in Europa etwa bis zum Jahr 2010 die Kinderarmut zu halbieren oder wieder Vollbeschäftigung zu schaffen. Aber auch bei anderen, bescheideneren Zielen zur Steigerung der Bildungsausgaben tritt Rot-Gün auf die Bremse. Und das ist, ganz im Gegensatz zum Geist des Gipfels, alles andere als neu: Schon beim Luxemburger Beschäftigungsgipfel 1997 waren es ja die Deutschen, die sich als Bedenkenträger profilierten. Lauthals schimpften damals Rote und Grüne im Bundestag über Helmut Kohls hinhaltenden Widerstand gegen ein soziales Europa. Still und leise hat Schröder nun auch dieses Erbe der Europapolitik seines Vorgängers angetreten. Manches bleibt eben beim Alten, auch nach Lissabon.