Ich träume nicht, wie die Helden meines Buches, von einer Zeitreise ins Mittelalter. Ich habe einen ganz anderen Traum, den ich vielleicht mit vielen Menschen teile. Ich träume sehr oft davon, in den Kopf anderer Menschen zu schlüpfen - und umgekehrt. Zwei Minuten, um zu erleben, was der andere denkt und fühlt.

Bei einem Streit mit meiner Frau träume ich davon, dass wir mal für kurze Zeit die Positionen tauschen und im Kopf des anderen stecken. Endlich würden wir begreifen, was im anderen vorgeht! Ich glaube, in einer sehr intimen, emotionalen Situation bleibt der andere immer ein Rätsel für uns. Man denkt: Worüber redet der eigentlich, was ist denn sein Problem? Bei einer Auseinandersetzung sieht man nur die Spitze des Eisbergs meistens sind es Nichtigkeiten, um die man streitet. Der Streit ist nur ein Vorwand für einen sehr viel tiefergehenden Konflikt. Über die eigentlichen Ursachen traut man sich vielleicht gar nicht zu sprechen. Säße man für kurze Zeit im Kopf des anderen, könnte man entdecken, was die wirklichen Gründe sind und wo die Probleme liegen. Nur wenn man die wirklichen Dinge, um die es geht, benennt, dann kann man den Konflikt lösen. Solange man die offensichtlichen, aber vorgeschobenen Dinge diskutiert, wird der Streit niemals aufhören.

Auch bei Kindern, die schreien und wütend sind, frage ich mich oft: Was ist los? Wenn ich mit meiner elfjährigen Tochter Taylor spreche, bin ich mir manchmal nicht sicher, was sie wirklich bedrückt. Vielleicht, weil sie es selbst nicht weiß oder weil sie denkt, sie könnte es mir nicht sagen. In solchen Situationen würde ich mich gern in sie hineinversetzen, nicht, weil ich sie beherrschen oder kontrollieren will. Ich sehe meine Aufgabe als Ratgeber, der versucht sie zu leiten und ihr dabei zu helfen, dass sie selbstständig ihre eigenen Entscheidungen trifft. Vielleicht würde ich mir weniger Sorgen machen, wenn ich wüsste, was in ihr vorgeht.

Mein Traum, im Kopf eines anderen Menschen zu sein, ist im Grunde eine Ausweitung der Empathie, also der Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen. Aber Empathie ist immer nur eine Annäherung an den anderen. Deshalb träume ich davon, für kurze Zeit wirklich der andere zu sein, um sein Wesen zu erfassen.

Zum ersten Mal hatte ich diesen Traum nach einem Interview, das ich in einem Fernsehsender gab. Der Anchorman schien sehr nett zu sein, doch hinterher wurde mir erzählt, dass er Kollegen demütige, vor allem die, die unter ihm stehen. Vor versammelter Mannschaft brülle er, sie seien komplette Idioten.

Da dachte ich, der sollte mal für zwei Minuten in der Haut derjenigen stecken, die unsicher sind in ihrem Job. Wahrscheinlich würde er dann aufhören damit. Und dann stellte ich mir vor, wie es wäre, im Kopf des Anchorman zu stecken. Dann wüsste ich, was ihn dazu veranlasst, ein solches Ekel zu sein.

Seit es Menschen gibt, schlachten sie sich gegenseitig ab - bis zur völligen Vernichtung. Manchmal träume ich davon, dass Kriegsparteien in den Kopf des Gegners schlüpfen können. Jeder würde die Taktik des anderen kennen.