Was er zu sagen hatte, tippte er in seinen Computer und wartete, bis der Bildschirmschoner es verdeckte. Dann ging Andreas seinen Weg. Am Haus des Freundes, der ihn erwartete, drückte er den Klingelknopf, doch als die Gegensprechanlage krächzte, schwieg er. Der Öffner summte, und im Aufzug fuhr Andreas himmelwärts. Bis in den 13. Stock. Da stieg er aus, zog eine Glastür auf und trat auf den Balkon. Es dämmerte, und zu seinen Füßen leuchtete die Stadt. Es war Herbst. Er stieg auf das Geländer und sprang.

Die Kinder, die unten spielten, vernahmen einen dumpfen Schlag. Da lag Andreas, 16 Jahre, auf dem Boden einer Stadt, in der für ihn ein neues Leben beginnen sollte. Ein besseres. Besser als jenes, das er zurückgelassen hatte in Sibirien, wo er zur Welt gekommen war. Wo die Menschen ihn daran erinnerten, dass er der "Deutsche" ist, ein Nachkomme der Nazis. Sie spuckten dieses Wort aus mit einer Abscheu, die ihn ahnen ließ, dass jemand in seiner Verwandtschaft etwas Furchtbares getan haben musste.

Eine Gesellschaft in der Gesellschaft wächst heran. Mehr als 350 000 jugendliche Aussiedler sind seit Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland gekommen. Als die Sowjetunion auseinander brach, stiegen ihre Eltern mit ihnen in die Züge und Flugzeuge Richtung Westen. In der neuen Heimat landeten die Kinder im besten Alter. Und vielleicht auch im schlimmsten. Jung genug, um sich zu verändern und durch die neue Welt zu navigieren. Alt genug, um sich zu verweigern und einen tiefen Schmerz nach der alten Welt zu spüren. Und sie kamen mit der wertvollsten aller Eintrittskarten, dem Pass, der ihnen alle Rechte garantierte und ihnen sagte: Ihr gehört dazu.

Viele Wege endeten in Lahr, einer Kleinstadt zwischen Offenburg und Freiburg. Wohl kaum eine andere deutsche Stadt im Westen der Republik hat sich so verändert. Als der kalte Krieg beendet war, packten in Lahr tausende kanadische Soldaten ihre Koffer und verließen das Land, das sie vor jener Sowjetunion beschützt hatten, aus der nun die Deutschstämmigen in ihre alte Heimat strömten. Als Mitte der neunziger Jahre ganze Dörfer in Sibirien und Kasachstan verlassen standen, war die Bevölkerung in Lahr um mehr als 8000 Menschen angeschwollen. Jeder fünfte Bewohner war nun Aussiedler, und die Stadt wurde zum Labor für das Gelingen oder Scheitern von Integration.

Es waren die Töchter und Söhne, für deren Zukunft die Eltern die eigene aufgegeben hatten. Jugendliche wie Andreas. Er war vielleicht zarter als andere. Die Welt aber, in der er sich behaupten musste, ist die der meisten jugendlichen Aussiedler. Da ist eine Mutter, deren Deutsch gebrochen ist, und ein Vater, dessen Stolz gebrochen ist. Auf Andreas lastete der Druck, die Mutter nicht zu enttäuschen, gute Noten nach Hause zu bringen, als seien sie seine Aufenthaltsgenehmigung. Es wäre unfair, jemandem die Schuld am Tod des Jungen zu geben. Doch es bleibt die Frage, warum ein junger Aussiedler sich lieber in den Tod stürzt, als eine Vier in Englisch zu ertragen.

Als der Bruder den Bildschirmschoner auflöste und den Abschiedsbrief las, bekam er eine Antwort. Als Aussiedler, schrieb Andreas, werde er immer der Verlierer sein. Und als wollte er demonstrieren, wie fremd er geblieben sei, benutzte er ein englisches Wort: Ein "loser" sei er.

Vielleicht der ganz vorne. Wahrscheinlich aber der in der hinteren Reihe, wo sich weniger Blicke auf ihn richteten. Einer dieser Stühle in Raum 132 der Otto-Hahn-Realschule wird immer frei bleiben. Weit über ein Jahr ist vergangen, seit Andreas sich umbrachte. Die Schüler der 10a sehen die Lücke nicht mehr, für Klassenlehrer Robert Stimpel ist sie eine Leerstelle geblieben. Er hat sich und seinen Schülern viele Fragen gestellt seit jenem 2. November 1998. Für manche hat er bis heute keine Antwort.