Offenbar fällt es den Menschen schwer, längere Zeit ohne Verheißung zu leben, ohne Aussicht auf eine bessere Welt, ohne Utopie. Nach dem Ende des Realsozialismus kam es zu einer vorübergehenden Desorientierung, doch jetzt zeichnen sich die Konturen eines neuen Heilsversprechens ab: Die neue Lehre heißt Internet. Sie beeindruckt Rechte und Linke gleichermaßen, und sie lebt von der Hoffnung, der vernetzte Computer werde die Beziehungen der Menschen zueinander revolutionieren und deren Verständnis füreinander fördern. Sie werde der Demokratie aufhelfen, wo Unfreiheit herrscht, und sie wiederbeleben, wo ihre Subjekte verdrossen sind. Sie werde eine von Mühsal freie Wirtschaftsweise entstehen lassen, Arbeit schaffen und denjenigen den Zugang zum guten Leben eröffnen, die bisher davon ausgeschlossen waren.

Wie es für sehr überzeugte Menschen typisch ist, reagieren die Verkünder der Internet-Lehre auf Einwände ziemlich ungnädig: Skepsis gilt ihnen als Kulturpessimismus, dieser wiederum als Ausdruck von Reaktion und Gestrigkeit, mangelnder "Zukunftsfähigkeit" und Spielverderbertum. In Deutschland hat sich neuerdings Bundeskanzler Schröder an die Spitze der Bewegung gesetzt: Jeder Jugendliche müsse die Chance haben, sich schon in der Schule mit den neuen Medien vertraut zu machen, erklärt er unablässig. Die SPD wirbt mit großen Anzeigen für Schröders Initiative "Schulen ans Netz". Columbus, heißt es darin, habe viele Jahre reisen müssen, um die Welt zu entdecken - unsere Schüler "brauchen dafür nur einen Vormittag im Internet". Ein sozialdemokratisches Zukunftsmanifest beschreibt die Wünsche, die Bundesbildungsministerin Bulmahn und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Clement mit der Verkabelung verbinden: "Wir wollen die neuen Medien zu einem Instrument machen, mit dem soziale Unterschiede bei den Bildungschancen ausgeglichen werden können." Nun wäre gegen eine vernünftige Diskussion darüber, wie und vor allem: wozu neue Medien im Schulunterricht eingesetzt werden sollen, überhaupt nichts einzuwenden. Aber so, wie die Debatte gegenwärtig von Sozial- wie Unionsdemokraten, von Liberalen wie Grünen geführt wird, bleibt sie unbefriedigend, weil sie ganz und gar im Affirmativen verharrt.

Gewiss ist es wenig populär, funktionierende Toiletten gegen Telekom-gesponserte ISDN-Anschlüsse auszuspielen. Aber Schüler und Lehrer machen die Erfahrung, dass sich für ein erträgliches Lernumfeld bei weitem nicht so leicht Extrageld mobilisieren lässt wie für das neue Trendlernmittel. Den Schulalltag aber beeinflusst beides.

Unbeantwortet bleibt zunächst die Frage, ob der Computerunterricht alternativ oder additiv zum bisherigen Angebot stattfinden soll. Eine schlichte Hinzufügung von zwei oder drei Computerstunden pro Woche wäre zeitlich durchaus möglich. Sie würde aber, umgerechnet in Lehrerplanstellen, ein Vermögen kosten. Daneben gäbe es die Möglichkeit, Computer von fachlich fortgebildeten Lehrern in den herkömmlichen Fächern einsetzen zu lassen oder bestimmte Stunden umzuwidmen. Dabei stellt sich die Frage, auf welche Bildungsinhalte man zugunsten des Computerunterrichts verzichten will. Dass die Schüler im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich zu viel wüssten, wird niemand behaupten. Der musisch-ästhetisch-sportliche Unterricht fristet ein Dasein am Existenzminimum. Übrig blieben Deutsch, Geschichte, Erdkunde und die Fremdsprachen - die Fächer des allgemeineren Weltverständnisses. Gerade sie aber sind nicht unbedeutend für die Herausbildung jener Kriterien, die Schüler überhaupt erst zum Umgang mit der ungeordneten Informationsflut des Internets befähigen können. Welchen dieser Bereiche kann man guten Gewissens einschränken?

Der Chor der Internet-Propheten wird erwidern, zur Konkurrenz zwischen herkömmlichem Unterricht und Internet-Studien dürfe es gar nicht kommen. Vielmehr müsse der Computer selbstverständlicher Bestandteil jeder Unterrichtsstunde und jedes Lernschrittes sein. Damit aber sind wir bei der zentralen Frage: Was genau sollen die Schüler mit dem Computer lernen? Was sollen sie über ihn lernen? Soll Computerunterricht Anwendungstraining sein? Ist er Methodenunterricht, wie die Quelleninterpretation, das Übersetzen oder Bibliografieren den Erfordernissen des jeweiligen Faches unterworfen? Oder ist "Computer" ein Fach aus eigenem Recht, wie "Deutsch"oder "Mathe"?

Fest steht, dass sich für die Schüler drei berufliche Perspektiven eröffnen: Erstens gibt es diejenigen, die mit Informationstechnologie nichts zu tun haben werden, weil sie Straßen pflastern, alte Leute waschen oder Brötchen verkaufen; zweitens diejenigen, die Computer in irgendeiner Form anwenden, um ihrer eigentlichen Tätigkeit nachzugehen; schließlich die, die selbst Software entwickeln. Die häufigsten Anwendungen des vernetzten Computers - das Absenden von E-Mails, das Aufrufen einer Homepage oder das Suchen einer Fahrplanauskunft - scheinen kein vormittagfüllendes Unterrichtsprogramm zu sein. Möglicherweise sollten alle Menschen diese Basisoperationen beherrschen. Indes wird die Handhabung dieser Funktionen sich in Zukunft ohnehin immer benutzerfreundlicher gestalten.

Vergleichbar wären derartige Lehrinhalte der Fahrschule oder dem Studium der Bedienungsanleitung eines Handys. Beides überlässt man bislang den Leuten zur privaten Aneignung, ohne dass dadurch erhebliche gesellschaftliche Ungleichheit produziert würde. Programmiersprachen wiederum haben den Nachteil, jene Mehrheit der Schüler zu überfordern oder zu langweilen, die Software zwar anwenden, nicht aber herstellen wollen.