Das rettende Gerät steht im Souterrain ganz in der Ecke. Nichts erinnert mehr an den Pomp der Eingangshalle oben, das Blattgold und die Nymphenmosaiken, mit denen die Deutsche Bücherei in Leipzig ihren Besuchern den Wert der Bücher vor Augen führt. Hier unten, in ein paar ehemaligen Magazinräumen, geht es sachlich zu, flache Decken, viel Beton. Einziger Schmuck sind ein paar ausrangierte geschnitzte Holztüren, die nun wie Bilder an der Wand hängen. Daneben schimmert aluminiummatt ein Ungetüm von einer Röhre, etwas über mannshoch, rund vier Meter lang. Ein bisschen Lorbeer hätte es durchaus verdient, sichert es doch nicht nur einem Teil der Leipziger Bibliotheksbestände das Überleben. Auch die Bücher des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, für deren Rettung die ZEIT- Leser in den vergangenen Wochen fast 2,4 Millionen Mark gespendet haben, werden in dem Trumm fit gemacht für die Zukunft.

Die unscheinbare Kellerflucht ist eine Art Intensivstation für Bücher. Die einzige Krankheit, die hier behandelt wird: Säurefraß. Unter Büchern ist das eine Volkskrankheit, an ihr leidet so ziemlich alles, was seit Beginn der industriellen Papierproduktion Mitte des vergangenen Jahrhunderts gedruckt oder aufgeschrieben wurde. Der Verlauf: letal. Zunächst bröseln und bröckeln die Bücher, Akten, Dokumente aus säurehaltigem Papier nur, nach knapp 100 Jahren schließlich zerfallen sie vollständig. In der Leipziger Röhre kann ihnen geholfen werden - sie ist das Herzstück einer Anlage zur Massenentsäuerung von Büchern. "1987 wurde mit der Entwicklung begonnen", sagt Joachim Liers, Chemiker und Chefarzt dieser einzigartigen Station. "Aber es hat Jahre gedauert, bis der Prototyp fertig war und das Verfahren funktionierte." 1994 ging die erste, von der Firma Batelle gebaute Anlage in Betrieb. Mittlerweile ist die zweite, größere Generation im Einsatz.

7000 Liter der alkalischen Behandlungschemikalie werden aus einem Außentank (auch deshalb wurde die Buch-OP an den Rand des Gebäudes verbannt) in die Röhre gepumpt, ein Gemisch aus Magnesium- und Titan-Alkoholaten, in Silikonöl gelöst. Die ausgedörrten Bücher saugen das rettende Gebräu auf wie ein Schwamm. Nach nur einer Stunde wird es abgepumpt und in einem geschlossenen Kreislauf gleich dem Recycling zugeführt. Die Säuren im Papier sind nun vollständig neutralisiert; der pH-Wert der Seiten, vor der Behandlung zwischen vier und fünf, liegt nun zwischen sieben und neun. Die Tinktur bringt außerdem noch eine Art Puffer im Papier unter, eine so genannte alkalische Reserve. Die macht Säuren, die nach der Behandlung entstehen, auch in Zukunft den Garaus. In Phase drei schließlich werden die Bücher getrocknet, bis sie ihren normalen Feuchtigkeitsgehalt erreicht haben.

Wieder an der frischen Luft, reagiert die Wirksubstanz in den Seiten zunächst mit Sauerstoff - die Bücher haben einige Zeit eine dezente Alkoholfahne. Deshalb müssen alle noch für vier Wochen in eine Art Ausnüchterungszelle, einen weiteren, gut gelüfteten Kellerraum. Erst dann stellen die Leipziger Mitarbeiter persönlich die Bücher in Marbach, Berlin oder anderswo zurück ins Regal, wo sie sie in praktischen grauen Klappcontainerchen aus Plastik auch abgeholt haben.

"Der logistische Aufwand ist enorm", sagt Liers. Dazu gehört neben dem Transport auch die Vorsortierung, denn die Regalmeter kommen nicht einfach so in die Röhre. Zuvor wird jedes Buch geprüft, ob es a) überhaupt entsäuert werden muss und b) die Behandlung auch verträgt (Bücher mit Pergamenteinband beispielsweise nicht). Deshalb sind auch die Kosten so hoch: 32 Mark pro Kilo. Vom Geld der ZEIT- Leser können also rund 74 Tonnen entsäuert werden. Das entspricht rund 180 000 Büchern oder 25 Prozent des gesamten Buchbestandes in den Regalen und Magazinen der Marbacher Schillerhöhe. 32 Mark - das sind die Sonderkonditionen für Großkunden.

Im Prinzip behandeln Doktor Liers und seine Kollegen nicht nur Bibliotheksfälle wie den aus Leipzig, der gerade nach der Behandlung seinen Rausch ausatmet: ein total saurer Reprint der Sophien-Ausgabe von Goethes Werken in fast 150 Bänden, gedruckt in Tokyo 1975. Nein, auch Einzelfälle, heiß geliebte Erbstücke, die Familienbibel oder Ähnliches "schicken wir nicht weg". Für solche Kleinstmengen werden individuelle Preise ausgehandelt; Rabatt gibt es erst ab einer Tonne.

Im Moment können in Leipzig rund 90 Tonnen pro Jahr entsäuert werden. Doch an der Nachfolgeanlage wird schon gebastelt, ein bierfassgroßer Prototyp läuft bereits an der Seite seines großen Vorgängers. "Wir wollen effektiver und kostengünstiger werden", sagt Liers. Das heißt auch, dass die nächste Röhre nicht mehr im unpraktischen Bibliothekskeller stehen wird, sondern in einem Gewerbegebiet draußen vor den Toren der Stadt. Dorthin, in einen lichten Zweckbau, ist das "Zentrum für Bucherhaltung GmbH" gezogen - ein eigenständiges Unternehmen, das 1997 aus der Restaurierungsabteilung der Deutschen Bücherei hervorgegangen ist und zu dem auch die Massenentsäurer gehören. Insgesamt rücken mittlerweile 47 Leute und die weltweit einzige Papierspaltmaschine jeder erdenklichen Art von Buch- und Papierschaden zu Leibe, vom Schimmelpilz über den Tinten- bis zum Säurefraß.