Vierundachtzig Jahre werde ich alt. Werde dann ziemlich große Ohren haben und wirklich kein Haar mehr am Kopf. Mein Schatz wird immer noch unverdrossen in der Küche mit dem Abwasch klappern, während ich den Kaffee schlabbere, und ich werde auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Mich erinnern, wie damals im Jahre 2000 die Wende kam. Der Abschied vom stressigen Journalismus, der Umzug nach Italien, das gemächliche Leben als Dichter.

Meine Zukunft als offenes Buch! Zu tief ins Glas geschaut? Zu viel im Kaffeesatz gerührt? Nein: zwei Stunden Dream-Coaching absolviert. So was kann dabei rauskommen.

Knetmasse kneten. Pfeifenputzer knoten. Rumspinnen

Keine Geste, keine Verhaltensweise, keine Partie in Bauch und Hirn, die nicht von findigen Trainern auf brachliegende, noch unverwertete Ressourcen abgeklopft worden wäre. Wirtschaftlicher Erfolg, so das Kredo der Coaching-Szene, ist nur möglich, wenn die Kandidaten zu 100 Prozent unter Strom stehen. Eine bislang unbeachtete Ressource hat jetzt die Kölner Sozialwissenschaftlerin und Kommunikationstrainerin Birgitt E. Morrien ausgeleuchtet und dem allumfassenden Management-Training zugänglich gemacht: das Reich der Träume. DreamGuidance taufte sie die von ihr entwickelte Methode, auch dieses Reich zu plündern - zum Zweck der Karriereförderung, fürs innerbetriebliche Konfliktmanagement und sogar zur Produktentwicklung. 300 Mark die Stunde kostet das Träumen den Geschäftsmann aus der Wirtschaft. 150 Mark zahlt, wer für Non-Profit-Organisationen arbeitet.

Ein kleiner Raum in Köln-Nippes. Palmen, ein Flip-Chart. Auf einem Schränkchen einige dieser notorischen Materialien, die Therapeuten benutzen, wenn sie den Leuten ans Unbewusste wollen (Knete, bunte Steine, Kreiden). Ein Überraschungsei. Ein paar Stühle, eine Couch. Sorgen: Was macht der Coach mit der Couch? Wir sind verabredet zu einem Schnelldurchgang in DreamGuidance, und mangels Nacht, also mangels echten Traummaterials, muss ich tagträumen. Aber nicht nur so zum Spaß. Soll ja was bringen.

Ich benötige also zunächst ein Problem. Von den zehn, die mir einfallen, nehme ich das Unverfänglichste: Geld. Dann muss ich Knetmasse kneten. Pfeifenputzer knoten. Sagen, was mir dabei so in den Sinn kommt. Rumspinnen. Geht ganz leicht und tut nicht weh. Zur Belohnung gibt es das Überraschungsei. "Da ist die Lösung all Ihrer Probleme drin", sagt Birgitt E. Morrien. Man darf sogar die Schokohülle essen. Und dann packe ich aus. Es ist ein Obelix! Ein dicker kleiner Obelix. Aha! Assoziiere: breite Schultern - will ich auch, Sport treiben - dann Geldnöte weg?

"Alles wirklich Neue in der Welt kommt von denen, die es wagen, einen Knall zu haben", zitiert Frau Morrien einen Kollegen. Denn Knall ist Kreativität, und die erwartet heutzutage schon der kleinste Shareholder vom DaimlerChrysler-Chef. Lineares Denken ist out, Imagination gefragt. Und die holt man sich aus den Tag- und Nachtträumen, sagt Frau Morrien, die auf Nachfrage eine halbe Stunde lang Kapazitäten und Zelebritäten aus den letzten Jahrtausenden aus dem Ärmel ziehen kann, die allesamt Träumer und gerade damit erfolgreich waren: Hildegard von Bingen, Einstein (soll den letzten Kick zur Formulierung der Relativitätstheorie im Traum gekriegt haben), von Stradonitz (träumte von einer Schlange, woraufhin er den Benzolring entdeckte) et cetera. Auch da Vinci äußerte sich einschlägig und formulierte zum Thema "Knall": "Durch verworrenene und unbestimmte Dinge wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach."