Sicher, es gibt sie noch, die Vorurteile über den Sozialarbeiter im Allgemeinen und das Studium der Sozialarbeit oder Sozialpädagogik im Besonderen. "Mehr sozial als Arbeit" lautet ein verbreiteter Vorwurf, und das Studium ist dieser Ansicht zufolge auch nur ein "Dünnbrett"-Studium für verkrachte Existenzen zum Zwecke des Bafög-Bezugs.

Reiner Feth rückt die Klischees zurecht. "Soziale Arbeit ist alles andere als ein weiches Studium", sagt der Rektor der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit in Saarbrücken. Heute werde vom Sozialarbeiter "knallhartes Wissen" verlangt, denn der Umgang mit Menschen, die in der High-Tech- und Wissensgesellschaft strandeten, brauche eine "hohe menschliche und fachliche Qualifikation". Dazu gehöre beispielsweise, dass der Sozialarbeiter komplizierte Rechtsmaterien wie etwa das Jugendhilferecht durchschaut und dass er weiß, wie Fördertöpfe zum Wohle der Klienten angezapft werden können. Nicht zuletzt müsse er eine verständnisvolle, jedoch nicht anbiedernde Beziehung zu den Menschen aufbauen können, die bei ihm Hilfe suchen. "High Touch" nennt Reiner Feth das, was die zwölf Professoren der Hochschule den Studenten in einer Regelstudienzeit von acht Semestern zu vermitteln versuchen.

Zu den Besonderheiten der Hochschule gehört die enge Verknüpfung von Theorie und Praxis. Anfang der achtziger Jahre waren die Saarbrücker unter den Ersten, die bei der Ausbildung von Sozialarbeitern zu einem einphasigen Studium übergingen. Im Gegensatz zu anderen Hochschulen, wo die Studenten nach der theoretischen Ausbildung bis heute ein praktisches "Anerkennungsjahr" absolvieren müssen, sind in Saarbrücken die zwei Praxissemester in das Hauptstudium integriert. Um die Qualität der Praktika zu garantieren, schließen die Saarbrücker mit den Praxisstellen öffentlicher und privater Träger eigens Verträge, deren Bestandteil ein fester Ausbildungsplan ist. "Damit wollen wir verhindern, dass Studenten als billige Arbeitskräfte missbraucht werden", sagt Ria Zeitz-Degott, die zuständig ist für das Praxisamt. In Theorie-Praxis-Seminaren, Supervisionen und Selbsterfahrungsgruppen können die Studenten dann ihre Eindrücke aus dem Arbeitsalltag eines Sozialarbeiters und eigene Verhaltensweisen reflektieren. "Es kann sehr hinderlich sein, wenn einer nie erfährt, dass er auf seine Klienten arrogant wirkt", sagt Reiner Feth.

Praxiserfahrung spielt aber auch schon im Grundstudium eine wichtige Rolle. In so genannten Explorationen erkunden die Studenten etwa die Sozialstruktur eines Saarbrücker Problemstadtviertels, interviewen junge Arbeitslose oder Drogenabhängige, analysieren die Organisation eines Jugendamtes oder einer Aids-Hilfe. Möglichkeiten zu Auslandsaufenthalten in den USA oder in einem israelischen Kibbuz ergänzen das Studienangebot. Von kursorischen Einführungen in Einzeldisziplinen wie Soziologie oder Psychologie haben sich die Saarbrücker verabschiedet. "Nicht effizient und zu praxisfern", heißt es.

Trotz eines strengen Numerus clausus bewerben sich an der Hochschule jedes Jahr etwa fünfmal so viele Studenten, wie Plätze vorhanden sind. Von den 65 Neuimmatrikulierten pro Jahr gibt etwa ein Drittel vorzeitig auf. Als einen Grund für die relativ hohe Abbrecherquote nennt Reiner Feth den Leistungsdruck. Doch wer das straff organisierte Studium mit rund 30 Leistungskontrollen durchhält, findet in der Regel nach dem Examen schnell einen Arbeitsplatz. Allerdings: "Ohne eine Portion Idealismus geht es nicht", warnt Reiner Feth. Manuel Sattler hat sie. Der 23Jährige ließ sogar eine Zulassung zum BWL-Studium fahren, um Sozialarbeiter zu werden. "Ich war wirklich gut auf der Schule und wollte mal reich werden." Dann ging er als Zivildienstleistender in eine Behindertenschule - und hatte seinen Traumjob gefunden.