Wenn es einen Musiker vorzustellen gilt, schreiben Kritiker gern, der erinnere an, der klinge wie. Zur Beschreibung des Vic Chesnutt ist so über die Jahre eine aberwitzige Namensliste entstanden: Leonard Cohen, Bob Dylan, Elvis Costello, Jonathan Richman, Van Morrison, Randy Newman, Woody Guthrie, Tom Waits, Cat Stevens, Kurt Cobain. Wer so vielen ähneln soll, kann keinem gleichen.

Und in der Tat ist der 35-jährige Südstaatler aus Athens/Georgia, der im April zu neun Konzerten nach Deutschland kommt, unverwechselbar. Sein Publikum weiß das, es wächst. Selbst in musikverwöhnten Städten wie Berlin oder Hamburg füllt Chesnutt inzwischen die Clubs.

Seine Musik lässt Folk und Country hinter sich, zwei Genres, die kultivierte Zeitgenossen nicht sonderlich schätzen: immer das gleiche Lied vom wild, wild west, von Blues und Boden, von harten Männern und schönen Frauen und einem Schicksal, das es nicht gut mit einem meint.

Freilich hat die verbreitete Abscheu dazu geführt, dass sich ein Reservat von Themen und Motiven erhalten konnte, das jetzt - da alle Stilunterschiede eingeebnet werden - Musiker unterschiedlichster Provenienz anzieht. Country wie Folk geraten in den Sog jener Entwicklung, die Rock nicht mehr als Lebensweise versteht, sondern als Rohstoffvorkommen, das es mit neuen Mitteln und Perspektiven zu erschließen gilt. Davon profitiert Vic Chesnutt. Bei ihm sind es die Texte, die auf Anhieb Aufmerksamkeit erregen. Der R.E.M.-Sänger Michael Stipe hatte ihn 1988 entdeckt und ins Studio geschleppt.

Hört man Little heute, dann ist das ein ziemliches Schrammelalbum. Aber da gibt es schon diese eindrucksreiche, humorvoll garstige, streckenweise undurchdringliche Lyrik, sur- und subreal zugleich. Wie in dem Lied von dem Mädchen aus Baton Rouge, Louisiana, das Eis laufen gehen wollte und dann in ihren Schlittschuhen am Ufer gefunden wurde, an einem Ast baumelnd: "She was the coldest cadaver in the state / and look on the lake / not even the ducks are risking it." So was muss einem erst mal einfallen.

Gewiss war es der Entdeckung Chesnutts förderlich, dass er sturzbetrunken im Rollstuhl saß. Jeden Dienstag sang er im 40 Watt Club seines Wohnortes Athens, sein Publikum begeisternd oder beschimpfend, je nach Promille. Chesnutt erinnert sich nüchtern, dass Stipe es damals eilig hatte: "Ich möchte das aufnehmen, bevor du dich umgebracht haben wirst."

So begann seine Karriere, die ihn bis heute weit gebracht hat, ohne dass er Teil des Mainstreams geworden wäre. 1992 erschien West of Rome mit dem wundervollen Stück Bug (Insekt), inspiriert von stundenlangen Autofahrten durch Pfirsichhaine, vorbei an diesen Veranden mit den zu warm angezogenen Großmüttern. Wie sie da in der Sonne sitzen und schwitzen und das Leben auf der Straße entlangziehen sehen! Und die letzte Zeile ist der Satz, den Little Vic immer von seiner Granny hörte: "When the bug hits / that's the time to scratch it." Was auch bedeutet: Wenn du eine Idee hast, Junge, dann musst du ihr folgen!