In Flandern ist ein junges Mädchen ermordet worden, in Kurdistan liegt eine alte Frau im Sterben. Es gibt Männer, die müssen sich kümmern. In Frankreich wird der Polizist Pharaon an den Tatort gerufen, im Iran soll der Journalist Behzad von der Bestattungszeremonie berichten. Der Tod bleibt im Hintergrund, er wirft aber Fragen auf. "Wie kann jemand so etwas tun?", fragt sich Pharaon, verlangsamt und geradeheraus, wie er nun einmal gestrickt ist. "Wie ekelhaft das Leben ist!", sagt eine Freundin. Im kurdischen Dorf fragt Behzad jeden Tag aufs Neue: "Wie geht es ihr?" Denn noch ist die Alte ja nicht tot. Ständig ruft ihn seine Vorgesetzte aus Teheran an: "Wie lange müssen wir noch auf die Geschichte warten?" - "Was soll ich machen? Sie erwürgen?", antwortet Behzad und ärgert sich, dass die Sterbende ihn und seine beiden Assistenten in Schwierigkeiten bringt, solange sie am Leben bleibt.

Pharaon und Behzad wollen einen Todesfall zu den Akten legen und können es nicht. In der Zwischenzeit geht das Leben weiter, und je länger es weitergeht, desto stärker drängt es sich in den Vordergrund. So soll es sein. Darauf kommt es an, sowohl beim iranischen Regisseur Abbas Kiarostami als auch beim Franzosen Bruno Dumont. Kiarostamis neuer Film heißt Der Wind wird uns tragen . Aber der Regisseur hat bereits vor Jahren davon gesprochen, alle seine Filme sollten am besten von nun an nur noch einen Titel tragen: Das Leben und nichts anderes. Dumont zielt genauso aufs Ganze: Sein Film heißt L'Humanité , es ist sein zweiter nach dem hervorragenden Debüt La Vie de Jesus . L'Humanité wurde im vergangenen Jahr in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, Der Wind wird uns tragen hat vier Monate später in Venedig den gleichen Preis erhalten. Was für ein Zufall. Aber Festivals mögen eben Filme, die ins Grundsätzliche gehen. Bloß im regulären Kinoeinsatz wird es wieder schwierig, weshalb beide Filme in Deutschland nur mit wenigen Kopien laufen.

Einmal abgesehen vom großen Bogen (und vom Großen Preis), haben die neuen Werke von Bruno Dumont und Abbas Kiarostami allerdings wenig gemeinsam. Sie befinden sich auf gleicher Höhe, aber auf getrennten Bergen. Und das eine hat sich gequält mit dem Aufstieg zum eigenen Anspruch, während das andere fast schwerelos oben einschwebt, ganz entspannt. Kiarostami zeigt nicht, worauf er hinauswill, man bekommt es einfach irgendwann zu sehen. Dumont dagegen lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sich über seine Figuren auf dem flachen Flanderland ein gewaltiger Himmel wölbt, unter dessen Druck man ordentlich ins Schwitzen geraten kann. Er pumpt seine Bilder geradezu auf mit metaphysischer Spannung und beobachtet dann, wie die Menschen damit leben - die von der Spannung nichts ahnen und ihr doch standzuhalten haben. Die Einstellungen sind luftig und schneidend zugleich. In ihnen ist die Weite des Landes mit der Enge des Daseins verschränkt, und dazwischen stecken Körper, die wollen und müssen, aber nicht wissen, wie.

So geht es schon los. Pharaon stolpert durchs Gelände, über einen frisch gepflügten Acker. Er stürzt und liegt plötzlich flach; unbewegt und offenen Auges schmiegt er sich in den fetten schwarzen Mutterboden. Erde zu Erde? Wenig später, am Tatort, springt das nächste Stück rohe Natur den Zuschauer an. Bildfüllend, schmerzhaft lang sieht man das geschändete Geschlecht des ermordeten Mädchens - bleiche Haut, eine blutige Spalte. Danach sieht das Leben anders aus. Es geschieht nicht viel in 148 Filmminuten, das aber mit Entschiedenheit. Pharaon (Emmanuel Schotté) ist ein schweigsamer Kerl mit hängenden Gesichtszügen. Wenn er etwas sagt, wirkt das noch tumber, als wenn er einfach nur stiert, was er oft tut, mit Vorliebe in Richtung Nachbarin. Die stämmige Domino (Séverine Caneele) und ihr kräftiger Freund Joseph (Philippe Tullier) sind eine Art Bezugsgruppe, gemeinsam ergeben die drei ein fast erdrückendes Trio: die träge Masse Pharaon, die lüsterne Masse Domino und die gefährliche Masse Joseph.

Eine lange Zeit steht L'Humanité unter Strom, allein durch die gewaltige Präsenz der Hauptdarsteller, die eigentlich nur ihre Körper darstellen, und durch Dumonts insistierenden Blick. Irgendwann jedoch bekommt diese Insistenz auch etwas Penetrantes. Mehr und mehr wird der Regisseur zum Laienpriester, der seine Hauptfigur zu einem neuen Engel der Barmherzigkeit zu salben versucht. Pharaon trägt vermeintlich ein tiefes Wissen über die tragische Natur des Menschen in sich, über dessen kreatürliche Zwangskräfte, die hier auch einen starken Stich ins Erbsündige haben. Im Fortgang seiner (allerdings ergebnislosen) Ermittlungen nimmt er wildfremde Menschen verständig und still in den Arm und teilt so das allen gemeinsame Leid. Sogar einer mächtigen Sau, umtollt von ihrem frischen Wurf, legt er mitfühlend die Hand auf. Das geht zu weit. Bruno Dumont schießt übers Ziel hinaus. Er horcht so ausdauernd und Verständnis heischend in seine Menschen und ihr sparsames Leben hinein, dass er darin bis zum Tod sieht, bis zur Bestialität, fast bis an den Anfang der Welt zurück (Erbsünde!) und an ihr Ende hin (ein neuer Erlöser?). Es ist, als hätte sich Dumont seinen anfangs gnadenlosen Blick nur gestattet unter der Maßgabe, letztlich müsse aber Gnade für alle da sein, und dem Blödesten könne dabei leicht das reinste Licht aufgehen.

Dumont wäre gern der Robert Bresson des 21. Jahrhunderts, er will das Elend der Welt schärfer zeigen, indem er, weit dahinter, einen christlichen Horizont aufzieht. Dieser Hintergrund dient nicht der Schönfärberei, im Gegenteil: Er soll der Wirklichkeit die nötige Kontur geben. Das ist ein interessantes Verfahren, und Dumont bleibt ein interessanter Regisseur. Nur ist diesmal sein gläubiger Geist mit ihm durchgegangen. Man möchte Dumont zu mehr Bescheidenheit und Leichtigkeit im Umgang mit dem Leben und nichts anderem raten, weil man eben diese Eigenschaften an Abbas Kiarostami so schätzt. Aber eigentlich ist auch der Nachdruck, mit dem sich der Franzose aufs Geringste wirft, selten und kostbar. Und ließe sich Kiarostamis Ästhetik überhaupt adaptieren? Wahrscheinlich kann sie nur dort ihre ganze Magie entfalten, wo sie entstanden ist unter dem Eindruck bestimmter Produktionsbedingungen (darin vergleichbar den Genreproduktionen aus Hongkong oder Indien, die der Westen ebenso wenig in eigene Formen kopieren könnte).

In Bezug auf Dumont kommt noch etwas hinzu. L'Humanité gewinnt seine Größe auch dadurch, dass der Regisseur einem vollends entgeistlichten Alltag mit spiritueller Energie zu Leibe rückt. Kiarostami verfährt gerade andersherum. Im Gottesstaat Iran beharrt er darauf, dass nichts so wichtig ist wie das Hier und Jetzt - das Jenseits jedenfalls sei ungewiss. In einer typischen Kiarostami-Szene gegen Ende von Der Wind wird uns tragen sagt's der Arzt dem Journalisten (der so lange auf den Tod der Alten gewartet hat), während beide durch die leuchtenden Kornfelder fahren: "Der Tod ist das Schlimmste - wenn sich die Augen schließen vor dieser Welt." - "Aber die andere Welt soll doch noch schöner sein!?" - "Aber wer ist von dort zurückgekommen, um uns davon zu berichten? Nimm das Bare, nicht die Versprechungen."