Kaiserstuhl

Es beginnt mit Würstchen unterm grauen Himmel. Weg mit dem Regen, mit Hagel oder Schneematsch, sag ich, Wolken, verzieht euch! Und wenn ihr nicht weggeht, gehe ich. Wo ist Deutschland am sonnigsten? In Südbaden. Wo schmilzt der Schnee von der Seele durch des Frühlings holden, belebenden Blick?

Aussteigen heißt jetzt das Zauberwort. Augen, Nase, Mund und Ohren öffnen. Was fühle ich? Was höre ich? "Laue Luft kommt blau geflossen." Bienen summen. Vögel singen. Dichterworte wollen klingen. Nein, das nicht. Bloß keine platten Reime. Aber lau und blau ist es schon in den Tälern, auf den Hügeln des Kaiserstuhls, Wärme, von unten, von oben, Wärme überall. Und ringsherum die weichen Linien der Weinberge, die seit 1800 Jahren zeigen, wie Natur und Kultur miteinander gedeihen können.

Die Fußsohlen kribbeln. Am Bach entlang also, vorbei an den nackten Rebstöcken hinauf zu den Bergkuppen, wo die Kiefern wachsen. Ein Hahn kräht. Ein paar Lämmer blöken. Was da duftet und aussieht, als hätte einer über seinen Zweigen viele kleine Sterne ausgestreut, ist der Weißdorn. Was strahlend gelb vor meiner Nase flattert, ist ein Zitronenfalter. Weiter oben wachsen wilde Kirschbäume am Hang, und wer genau hinblickt, kann zuschauen, wie sich die dunkelroten Knospen entfalten. So viel Schönheit haut um. Was tun? Nach Worten suchen und sich wundern, ob die noch wichtig sind? Oder doch wieder gehen und im Wald sich selbst und alle Winterlasten fallen lassen?

Nichts Schöneres unter der Kaiserstühler Sonne, als im fahlgelben Gras zu liegen, durch Filigrane von frischen Kiefernnadeln zu gucken, tief einzuatmen und mit offenen Augen zu träumen. Nichts zwischen mir und dem gewölbten Mittagshimmel als zwei Raubvögel, die ihre Kreise ziehen. Höher hinauf und wieder hinunter. Im Gleitflug, gelassen; so wäre es möglich.

"Streifen Sie Stress und Zeitdruck an unserer Türschwelle ab", sagt der Wirt vom Schwarzen Adler in Oberbergen. Von Muße spricht er, von Andacht für Vorfreuden und Vorspeisen. Bald wird er den grünen und blauen Spargel servieren, der vor der Haustür genauso prächtig wächst wie die Kirschen, die Schnecken, der Wein und das Lamm. Wer das Zauberwort kennt, findet den Frühling im Kaiserstuhl, subtil und voll biblischer Einfalt, ein Fest für Sinne und Seele.

Von Elisabeth Wehrmann