Kukës

Um die Sache mit Großalbanien zu verstehen, ist es gut, über die Pflaumenbäume von Kukës zu sprechen, über die Kastanienwälder und den Wein. Die kleine Stadt im Norden Albaniens war bekannt für ihre getrockneten Pflaumen. Sie wurden mit Lastwagen in den Hafen Durrës und von dort in alle Welt exportiert. Die Pflaumen waren eines der wenigen Güter, die das Land des Diktators Enver Hodscha verließen. Bis 1991 ging das so. In jenem Jahr fiel die kommunistische Herrschaft. In Kukës fällte man die Pflaumenbäume. Bis auf wenige Exemplare sind alle verschwunden. Wo sie standen, ist nur noch Gras. Seit Jahren schon fährt kein Lkw mehr mit getrockneten Pflaumen die bergige Straße hinunter nach Durrës.

Wie die meisten Kosovaren hatte Rizan schon immer das Mutterland besuchen wollen - unter anderen Bedingungen freilich, nicht vertrieben von serbischen Milizen, nicht schutzlos dem Bombenhagel der Nato ausgesetzt; nicht eingepfercht mit Zehntausenden anderen auf einer schmalen Straße, die zu beiden Seiten von Minenfeldern gesäumt war. Rizan hatte anderes im Kopf, als sich in Albanien ausgiebig umzuschauen. Doch über eines wunderte er sich doch: Es gab hier keine Bäume, keinen Wald, kaum Grün, nur nackte Felsen, überwachsen mit Gestrüpp.

Jenseits des Grenzübergangs traf Rizan auf ein leeres, schmutziges Land. Albanien war ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Anders, als es ihm das Staatsfernsehen des Diktators Hodscha und jenes der demokratischen Regierungen vermittelt hatte. Albanien erschien Rizan wie eine bergige Wüste.

Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft fand die Familie Krashniqi Unterkunft im Haus von Bajram Shehi. Bajram wohnt in Gostil, wenige Kilometer von Kukës entfernt, auf einem Plateau. Vom Garten des Hauses aus hatte Rizan einen guten Blick auf eine ehemalige Pflaumenplantage. Baumstümpfe ragten in regelmäßigen Abständen aus der Erde wie die Kreuze eines verfallenen Friedhofs.

Rizan schmerzte der Anblick, denn in seinem Garten hatte er selbst Obstbäume. Er beschnitt sie, damit sie gut wuchsen, deckte ihre Stämme zu, damit die Tiere die Rinde nicht fraßen. Er pflegte sie mit Hingabe.

"Bajram, warum habt ihr die Pflaumenbäume gefällt?", fragte er. - "Das geschah 1991 während des Umbruchs." - "Aber warum?" Bajram nahm einen kräftigen Schluck Raki und setzte zu einer weitschweifigen Erklärung an. Bald konnte Rizan nicht mehr folgen, so verworren redete Bajram. Während er mit einem Ohr zuhörte, blickte er in den Himmel, wo Hubschrauber heranflogen. Sie brachten Lebensmittel für die Vertriebenen; er blickte auf die Zelte, die hastig auf dem Plateau errichtet wurden, weil Kukës die Flüchtlingsmassen in seinen Häusern längst nicht mehr beherbergen konnte. Fast eine halbe Million Kosovaren waren innerhalb weniger Tage nach Albanien gekommen. Allein in einer Nacht hatten 8000 die Grenze nach Kukës passiert.