Die Europäer blasen zur Aufholjagd. Zum "weltweit wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum" soll die EU werden. Dies erklärten die Staats- und Regierungschefs vergangene Woche in Lissabon.

Es stellt sich die Frage: Wie kommt das Wissen in die Wissensgesellschaft?

Die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulen lässt allerdings zu wünschen übrig - auf vielen Gebieten. Vor allem aber kümmern sie sich zu wenig um die Berufschancen ihrer Studenten und damit um die Weitergabe des Wissens in die Gesellschaft. Das ist ein großes Problem, denn schon jetzt bilden die Hochschulen 30 Prozent eines Altersjahrgangs aus, und dieser Anteil wird und muss noch steigen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist die vermeintliche Akademikerschwemme von der Berufswelt aufgesogen worden. Zwar ist durch falsch ausgebildete Hochschulabsolventen auch die Arbeitslosigkeit unter Akademikern gestiegen, aber sie liegt mit vier Prozent weit unter dem Durchschnitt.

Es werden in Zukunft immer mehr junge Menschen eine Hochschule besuchen. Denn in der Wissensgesellschaft müssen nicht nur Ärzte und Ingenieure mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaft umgehen können. Vom Verkäufer im Reformhaus etwa verlangt der Kunde Kenntnisse der Ernährungswissenschaft, und zur Krankenschwester gesellt sich die Pflegemanagerin, die sich in Betriebswirtschaft und Personalführung auskennt. Die Bedeutung der Hochschulen bei der Ausbildung wird also weiter wachsen.

Wenn Deutschland vor den Herausforderungen der Wissensgesellschaft und der Internet-Wirtschaft bestehen will, dann muss das Studium dringend reformiert werden. Es muss praxisnäher, kürzer und flexibler werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie gehört heute umgesetzt, nicht morgen.

Praxisnäher - weil die Mehrheit der Akademiker ihr Brot nicht in der Wissenschaft, sondern in der Wirtschaft verdienen wird. Das deutsche Hochschulsystem jedoch ist noch immer darauf ausgerichtet, Professoren hervorzubringen und nicht Abteilungsleiter. Und dort, wo es für Berufe qualifiziert, trägt es groteske Züge: Die Juristen werden zu Richtern ausgebildet, obwohl 80 Prozent von ihnen später als Anwalt arbeiten werden. Selbst die künftigen Ärzte und Lehrer, deren Beruf sich ganz um den Menschen dreht, studieren oft jahrelang, ohne einen Patienten oder Schüler zu Gesicht zu bekommen.

Kürzer werden muss das Hochschulstudium und flexibler - weil niemand weissagen kann, was der Arbeitsmarkt in fünf Jahren verlangt. Und weil man Wissen nicht mehr anhäufen kann wie der Hamster seinen Wintervorrat, um davon bis zur Rente zu zehren. Deshalb sollte, wer nach drei Jahren sein Erststudium abgeschlossen hat, künftig wählen können zwischen einer Berufstätigkeit, einem eher wissenschaftlichen oder eher berufspraktischen Zusatzstudium. Je nach persönlicher Vorliebe und der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Mit Weiterbildungsangeboten könnten die Hochschulen das Wissen ihrer Absolventen lebenslang à jour halten.