Wer in Bonn beim Deutschen Hochschulverband anruft und von der Zentrale weiterverbunden wird, den erwartet ein kleiner Kulturschock: Als Pausenfüller dudelt nicht etwa eine gepflegte Bach-Partita oder gaudeamus igitur durch die Leitung, sondern ausgerechnet Glenn Millers Big-Band-Evergreen In The Mood. Der flotte Oldie ist mit Bedacht gewählt, als Teil verbandsinterner Selbstdarstellung - ein Klassiker, völlig von gestern, aber immer noch springlebendig. Und so ungefähr sieht sich der Hochschulverband, der kommende Woche in Berlin sein 50-jähriges Bestehen feiert.

Ein halbes Jahrhundert steht der Verband unangefochten von allem Reformgetümmel in guten wie in schlechten Zeiten zu Wilhelm von Humboldt und seiner Universität, zu den Ideen der Einheit von Forschung und Lehre und einem Gelehrtendasein in Einsamkeit und Freiheit. Wer in Deutschland diese Ideen für tot erklärt und gar die Universitäten erneuern will, wer von Sponsoring, Wettbewerb, Management oder Controlling redet, der stößt auf erbitterten Widerstand, verkörpert vor allem vom kämpferischen Verbandspräsidenten Hartmut Schiedermair. Seit nunmehr 20 Jahren steht der Kölner Jurist an der Verbandsspitze, und so mancher Hochschulerneuerer hat Bekanntschaft gemacht mit der ungebrochenen Streitlust von Humboldts letztem Krieger. Die deutsche Universität ist im Kern gesund, so kündet sein Banner, sie braucht nur mehr Geld, bessere (das heißt weniger) Studenten und vor allem Ruhe vor Politik und Wirtschaft.

Aber sind all die organisierten Professoren tatsächlich überzeugte Humboldtianer? Stehen alle 17 000 Mitglieder voll hinter den Aktivitäten ihrer Funktionäre? Gelegentlich wird von Kennern der Hochschulszene der Verdacht geäußert, der Vorsitzende verwalte einen riesigen Karteileichenfriedhof. Schlimmer noch: Einige der Mitglieder sind gleichzeitig die größten Vereinsgegner. Zum Beispiel Klaus Landfried, der Präsident der Rektorenkonferenz. Der Streit zwischen ihm und Schiedermair hat Tradition; es handelt sich um eine Art Urfehde beider Spitzenfunktionäre, in der es darum geht, wer zu Recht den Anspruch erhebt, die Interessen der deutschen Universität nach außen zu vertreten.

Warum Landfried, ein leidenschaftlicher Verfechter der Hochschulreform, den Verband nicht verlässt? Das gehört zu den Geheimnissen der akademischen Tradition; am ehesten lässt es sich mit der Zugehörigkeit zu einer Kirche vergleichen: Die meisten gehen zwar nicht mehr hin, treten dennoch nicht aus, sondern zahlen - "von Jugend auf gewöhnt" - schweigend ihre Beiträge.

Aus Anlass des 50-jährigen Geburtstags hat es nun der Regensburger Historiker Franz J. Bauer mit einer Geschichte des Deutschen Hochschulverbandes übernommen, auch Laien besondere Einblicke in diese Tradition zu gewähren: "Man öffnet die mit ,Hochschulverband' bezeichnete Tür - und tritt in ein Labyrinth von Gängen und Korridoren, von denen nach allen Seiten weitere Türen zu neuen Fluren und Fluchten führen."

Früh erkannte der Verband das akademische Trägheitsprinzip

Und siehe da; beim Schlendern durch diese Korridore und Gänge findet sich unter all dem alten Kram das ein oder andere Wertstück. Unversehens beschleicht den Leser ein beunruhigender Gedanke: Könnte eine verunglückte Reform unter Umständen noch schlimmere Folgen haben als gar keine? Ein Beispiel: Wer heute die angeblich leistungs- und wettbewerbsfeindliche Beamtenmentalität von deutschen Professoren geißelt, sollte wissen, dass der Hochschulverband schon vor mehr als 30 Jahren dringlich davor gewarnt hatte, das Kolleggeld abzuschaffen. Im 19. Jahrhundert war das Honorar von Professoren noch geteilt in ein privat erbrachtes Hörergeld oder Lesehonorar und eine staatliche Besoldung. Als Anfang der sechziger Jahre das System umgestellt und Hochschullehrer ausschließlich vom Staat bezahlt wurden, ahnte der damalige Verbandspräsident Wilhelm Felgentraeger das akademische Trägheitsprinzip voraus. Er prophezeite, "daß die deutschen Hochschullehrer mit der Preisgabe des heutigen Kolleggeldsystems bewußt auf die Möglichkeit verzichten, durch eigene Initiative und Anstrengung im Lehrbetrieb einen wesentlichen Teil ihres Lebensstandards selbst zu bestimmen". Mit anderen Worten: Die Geringschätzung und Vernachlässigung der Lehre gegenüber der Forschung in Deutschland - hier hat sie ihren Ursprung. Und der Hochschulverband hat es schon lange gewusst.