Er versuchte auch zu schreiben", berichtet Einhard in seinem Leben Karls des Großen. "Unter seinem Kopfkissen hatte er ein Täfelchen, um in Mußestunden seine Hand daran zu gewöhnen, Buchstaben zu malen, aber weil er damit erst spät im Leben anfing, blieb der Erfolg gering."

Häme ist das nicht. Einhard bewundert die verbissenen Versuche des Kaisers, sich noch im hohen Alter die seltene Kunst des Schreibens beizubringen, nachts, mit Händen wie Pranken, ungelenk durch den lebenslangen Umgang mit Schwert und Streitaxt, zu ungelenk für den Griffel.

Im Jahr 781, auf seiner zweiten Romfahrt, trifft Karl in Parma einen Angelsachsen, Alkuin, den Leiter der Klosterschule von York. Dort, im Norden Englands, gibt es eine der besten Bibliotheken der Zeit. Mit dem Versprechen, einen Abt aus ihm zu machen, wirbt Karl ihn ab.

In Aachen wird Alkuin dann Leiter und strahlender Mittelpunkt einer Multikulti-Gelehrtenschar von Romanen, Iren, Westgoten, Angelsachsen und Langobarden. Sie bilden die "Akademie", deren wichtigster "Student" der König ist. Mit ihm lernen seine Hofbeamten und die zahlreichen Mitglieder seiner Familie. Aus vier Ehen hat er acht Kinder, mit mehr als zehn beschenkten ihn seine Konkubinen und "Friedelfrauen". Eher sanft tadelt Alkuin das rege Liebesleben des Königs, weniger sanft das seiner Töchter, aber statt das muntere Flattern der "gekrönten Tauben" zu verbieten, duldet es der Vater mit freundlichem Wohlwollen.

Die karolingische Minuskel als Urform der Computerschrift

Fidele Tafelrunden gibt es auch. Man erzählt Anekdoten, trägt Gedichte vor, und Alkuin gibt Rätsel auf, bei denen schon damals um die Ecke gedacht werden musste. Seit 794 gehört endlich auch ein junger Mainfranke zum akademischen Nachwuchs: Einhard, den Karl aus dem Kloster Fulda nach Aachen holte. Mit sanftem Spott nennt ihn der Westgote Theodulf "die Ameise", weil er klein ist, immer geschäftig, und ständig mit dicken Büchern durch die Pfalz wieselt. Die "Ameise" macht dennoch Karriere. Einhard wird Geheimsekretär des Königs, Herausgeber der Reichsannalen und übernimmt schließlich den Weiterbau des Aachener Münsters. Einige Jahre nach Karls Tod schreibt er seine Vita Caroli Magni.

Wenn wir ihm glauben, dann beherrschte Karl Latein so gut wie seine westfränkische Muttersprache, verstand Griechisch und beschäftigte sich mit Mathematik und Astronomie. Mag sein, dass Einhard Karls Lernerfolge übertreibt, zur Erkenntnis dessen, was Kirche und Reich Not tat, reichten sie jedenfalls aus. Wenn Alkuin seinen königlichen Schüler "doctor" (Lehrer) und "praedicator" (Prediger) nennt, ist das nur scheinbar paradox. An seinem Amt als Mentor und Mahner der Kirche zweifelt niemand, am wenigsten er selbst.