Berlin

Er hat sie entdeckt. Vermutlich waren sie sogar von ihm fasziniert. Fünfunddreißig Jahre war Helmut Kohl alt, als er Richard von Weizsäcker fragte, ob er nicht in den Bundestag gehen wolle. Auch Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler holte er früh nach Mainz. Geißler wirbelte im Kabinett, Biedenkopf und Weizsäcker rückten von außen näher heran.

Dass er "förmlich auf seiner Macht saß", diesen Kohl-Faktor in der Affäre hat keiner so scharf herausgearbeitet wie Weizsäcker. So besehen muss man ihn schon den Bohrer der politischen Welt nennen. Die "geistig-moralische Führung", die Kohl androhte, hat man sehr früh allen dreien weit eher zugetraut als ihm. Allein schon die Differenz zwischen ihrer Sprache und seiner Suada verrät beinahe alles.

Biedenkopf will - endlich, endlich - über Kohl hinaus zur Sache kommen. Vergesst Kohl!, ruft er uns zu. Sehen Sie sich bitte mal die demografischen Kurven an, diese eindeutigen Tabellen, aus denen sich schier alles ableiten lässt: das Alterssicherungssystem, die Zukunft der Städte, des Arbeitsmarkts, des Föderalismus und die Europas natürlich auch.

Neulich hat er diese "Sachverhalte" einmal Gerhard Schröder ausgebreitet. Ganz genau hat der zugehört. Kann man sich Kohl als braven Studiosus bei Lehrer Biedenkopf vorstellen? Im Jahr 1998, erinnert der Dresdener sich, hat er sich zu der Bemerkung durchgerungen, wenn Kohl noch einmal kandidiere, dann müsse er das in den Gremien zur Abstimmung stellen. Der Eichenschrank Kohl jedoch hat seinen Willen im Urlaub verkündigt. Die Sache wurde durch Handaufheben entschieden, der Parteitag brach in rhythmisches Klatschen aus. Einigen seiner Parteifreunde aus Sachsen sei es kalt den Rücken heruntergelaufen, erinnert sich Biedenkopf. Das kannten sie irgendwie.

Den Kompetenzwettbewerb muss man eröffnen. Schluss mit dem bundesrepublikanischen Denken, das Veränderungen verspricht, "betriebsbedingte Kündigungen" zugleich aber ausschließt. Vor der intellektuellen Überlegenheit eines Weizsäcker oder Biedenkopf, sinniert Geißler, habe Kohl sich durchaus geängstigt. Die Wortmächtigen wurden für ihn, nach vielen Metamorphosen, zum Problem. Sie drückten das liberale Moment der diskursiven Demokratie aus, und das ist unkontrollierbar. Einem wie ihm erschien das nicht ganz geheuer. Im Gegenzug hat Kohl, das räumt Geißler ein, diese latent Liberalen "ausgestochen durch seinen Willen zur Macht".

Und was hatten die drei dem entgegenzusetzen? Denn ihre Autonomie haben sie letztlich gewahrt, ihren Platz selber und gegen Kohl erkämpft. Etwas Unbedingtes, wie bei Kohl dessen Machtsinn, haben die drei aber auch. Geißlers "Unbedingtes" sind nicht die "Sachverhalte". Bei ihm ist es das Prinzipielle, an dem er hängt. Was er gemacht hat, hielt er "von innen heraus für notwendig", tastet Weizsäcker nach dem, was Geißler umtreibt. Darin sei er "einzigartig" gewesen.