Berlin

Verpasste Chancen kommen nicht wieder. Oder doch? Fritz Kuhn und Renate Künast jedenfalls werden im Juni für den Bundesvorsitz der Grünen kandidieren, obwohl sie gerade vor zwei Wochen in Karlsruhe gescheitert sind: Die Strukturreform, die beide immer als Bedingung ihrer Kandidatur gefordert hatten, fand nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit. Nun also haben sich Kuhn und Künast entschlossen, ihre Landtagsmandate in Stuttgart und Berlin aufzugeben, wie die Partei es von ihnen fordert. Wollen sie plötzlich beweisen, dass man auch in den alten grünen Strukturen erfolgreich sein kann?

An Selbstbewusstsein mangelt es beiden Kandidaten nicht. Aber wie kommen sie darauf, dass ausgerechnet ihnen die grüne Trendwende gelingen könnte? Immer wieder ist in den letzten Wochen die Schrecken erregende Zahl von 25 Parteisprechern und -sprecherinnen kolportiert worden, die die Grünen in ihrer kurzen Geschichte verschlissen haben. Wer, außer ein paar Spezialisten, erinnert sich an den einen oder anderen? Jetzt also Kuhn und Künast. Na und? Warum sollte es ihnen anders ergehen als ihren schnell zermürbten, heute vergessenen Vorgängern? Die Drohung steht.

Und dennoch ist einiges anders an diesem Kandidatenduo. Bei Kuhn und Künast handelt es sich um zwei erfahrene Grünenpolitiker und nicht, wie oft genug bei ihren Vorgängern, um Amateure im Spitzenamt. Beide gehören zu den profiliertesten Landespolitikern der Partei, beide waren im vergangenen Jahr für allerhand Topjobs im Gespräch: Kuhn etwa als Koordinator im Kanzleramt, Künast als Kommissarin in Brüssel. Dass daraus nie etwas wurde, zehrt an ihren Nerven. Bei beiden hat sich letzthin wohl das Gefühl angestaut, es sei nun höchste Zeit für den Wechsel auf die Bundesebene. Auch daher rührt der Entschluss zum Mandatsverzicht. Das hat es in der Geschichte der Grünen noch nicht gegeben.

Das wirklich Neue der K.-u.-K.-Kandidatur klingt selbstverständlich, ist aber unter grünen Bedingungen etwas ganz Besonderes: Kuhn und Künast wollen nicht nur zusammen in die Spitzenämter gewählt werden, sie wollen sogar kooperieren. Man traut ihnen das zu. Wenn sie sich miteinander besprechen, wie am Rande des Karlsruher Parteitages, wirken sie konzentriert und vertraut. Offenkundig verstehen sich die beiden, manchmal scheint es sogar, als würden sie sich mögen. Das allerdings wäre in der Tat ein kleiner grüner Kulturbruch. Denn die traditionell zwischen Realos und Linken aufgeteilte Doppelspitze zeichnete sich vor allem durch gegenseitiges Misstrauen und Kontrollwut aus. Nicht das Gemeinsame, sondern das Trennende prägt die Arbeit. Erfolg bedeutet unter diesen Bedingungen allzu oft nur, den Erfolg der jeweils anderen Seite zu verhindern. Lähmung ist da schon fast der Idealzustand, besser, so die grüne Logik, als das Chaos offener Machtkämpfe. Gelänge es Künast und Kuhn, diese systematische Blockade an der Spitze zu beenden, wäre das sehr nützlich, sogar Voraussetzung für die Wiederbelebung der Partei.

Ideologen sind beide nicht. Auch das hilft beim Kooperieren. Beide pflegen einen argumentativen Stil. Bei Kuhn, dem Realo der ersten Stunde, Pragmatiker und gelegentlichem Schwarz-Grün-Befürworter, überrascht das weniger als bei der Berliner Linken Künast. In ihrem Landesverband gilt sie als ausgleichende Pragmatikerin. Das hat ihr schon das Misstrauen von Christian Ströbele eingetragen, der ihre Eignung als Kandidatin der Linken anzweifelt. Dass Rezzo Schlauch sich 1998 bei einem Wahlkampfkongress von Künast beeindruckt zeigte, dass sie sich bei den Koalitionsverhandlungen in Bonn flügelübergreifenden Respekt erwarb, vor allem aber, dass Joschka Fischer sie zusammen mit Kuhn als Idealbesetzung für die Parteispitze ausrief, gilt unter Linken als schwere Hypothek. Antje Radcke, die amtierende Parteisprecherin, die ihre Wiederkandidatur angekündigt hat, versucht nun, in diese Lücke zu springen und sich als wahre Linke gegen Künast in Stellung zu bringen.

Das sind sie also wieder, die grünen Machtspielchen. Und Kuhn wie Künast lassen sie nicht unberührt. Ich bin "Mitte links", muss die Kandidatin bei ihrer Bewerbung erklären. Man ahnt sofort, der Satz, "ich bin eine Linke", käme ihr so einfach nicht mehr über die Lippen. Sie hält ja auch nichts mehr von den gebräuchlichen "Schubladen". Aber weil sie weiß, dass die Schubladen in ihrer Partei durchaus noch eine Rolle spielen, spielt sie mit, ein bisschen zumindest. Sie ahnt: Irgendwie muss sie in den nächsten Monaten bis zur Wahl linke Bedürfnisse bedienen - wenn möglich nicht so sehr, dass sie ihren Ruf als Realistin verspielt. "Mitte-Links" ist der Takt für diesen Eiertanz.