Viel beschworene Wonne des Lesens - unvergessne, süße Qual des Lesenlernens! "Im achten Jahr", berichtet Anton Reiser über das Kind, das er war, "fing denn doch sein Vater an, ihn selber etwas lesen zu lehren, und kaufte ihm zu dem Ende zwei kleine Bücher ... In dem ersten mußte Anton größtenteils schwere biblische Namen, als: Nebukadnezar, Abednego, usw., bei denen er auch keinen Schatten einer Vorstellung haben konnte, buchstabieren. Dies ging daher etwas langsam. Allein sobald er merkte, daß wirklich vernünftige Ideen durch die zusammengesetzten Buchstaben ausgedrückt waren, so wuchs seine Begierde, lesen zu lernen, von Tage zu Tage stärker."

Dieser Anton, der sich später mit so "innigem Vergnügen" an die ersten Zeilen erinnert, die er "mit Mühe herausbrachte", ist das Kunst-Ich des Autors selber, Karl Philipp Moritz (1756 bis 1793); sein "psychologischer Roman" Anton Reiser zählt längst zu den klassischen Autobiografien der Weltliteratur. Aus kleinstbürgerlicher Welt stammend, hatte Moritz sich emporgelesen und -geschrieben, gehörte zuletzt als Ästhetikprofessor, verziert mit dem Hofratstitel, zum Kreis der Berliner Aufklärung - vielleicht, wir wollen Mendelssohn, Nicolai, der Karschin oder Sulzer nicht zu nahe treten ... vielleicht ihr einzig wirklich genialer Kopf. Viel hat er angeregt, im Gespräch mit Schiller und Goethe, im Salon der Henriette Herz, als Lehrer Tiecks und Alexander von Humboldts, als Entdecker Jean Pauls. Und viel hat er selbst verfasst, der Philosoph und Seelenkundler, der die erste Zeitschrift für Psychologie überhaupt herausgegeben hat, der Philologe, der Journalist, Übersetzer und Dichter M. und Pädagoge sowieso. Als solcher war er selbstverständlich nicht bloß Theoretiker: Auch schon vor seiner Zeit als Professor hat Moritz unterrichtet, am ziemlich verkommenen Potsdamer Militärwaisenhaus und später am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.

Moritz hatte die kurzen Texte zu Kupferstichen geschrieben, Peter Haas hieß der Künstler. Das Ergebnis war eine durchaus rokoko-anmutige kleine Fibel, die der Insel Verlag in einer liebevollen Faksimile-Ausgabe 1980 wieder veröffentlichte, allen Bibliophilen zur Freude. Doch dann geschah etwas Überraschendes, Hocherfreuliches, ergebnismäßig betrachtet geradezu Hinreißendes: Wolf Erlbruch entdeckte das Büchlein, komplimentierte den guten Herrn Haas freundlich hinaus und blieb mit Moritz allein zurück. Und das Neue ABC-Buch entstand noch einmal, noch einmal ganz neu.

Nun kennt, wer schöne Bücher liebt, die Kunst des Wuppertaler Grafikers Wolf Erlbruch, Jahrgang 48, kennt seine vielen nahezu klassischen Kinderbücher, vom Kleinen Maulwurf bis zum Bärenwunder oder der bezaubernden Serenade Nachts, für die er just den "Luchs des Jahres 1999" erhielt. Hier nun versucht er etwas anderes: die völlige Neuschöpfung eines alten Textes mit grafischen Mitteln. Wobei es eine ganz besondere Schikane zu meistern galt, denn das Neue ABC-Buch ist streng nach emblematischen Regeln gebastelt - mit Bild (pictura), Thema (inscriptio), Erläuterung (subscriptio) und einer Bildzeile unter jedem Motiv, die jeweils in einem Reimwort endet, was wiederum hintereinander gelesen ein Gedicht ergibt. Knifflige Sache.

Doch Erlbruch stellt sich dem barocken Spiel zwischen diesen Elementen, aus dem sich erst der Witz des Ganzen ergibt. Wenn Moritz "Pracht und Überfluss" geißelt ("Den Reichen tränkt der Gold-Pokal"), entfesselt Erlbruch ein Groszsches Bacchanal: volle Backen, quellende Augen, Gierschlünde und über allem der Ekel der Sattheit. Nur mitten auf dem Tisch, da prangen leckere Torten, ausgeschnitten wohl aus alten Illustriertenrezepten, und welchem Asketen liefe da nicht ein ganz klein bisschen heftig das Wasser im Mund zusammen? Wenn Moritz den "gebildeten Menschen" würdigt, zeigt Erlbruch den Bürger am Fenster, still in die Betrachtung eines Schiffsuntergangs versunken. Wenn Moritz die Blöße des Menschen, auch seine seelische, die Einsamkeit, mit gutem Rat bedeckt ("Der Mensch muss eine Wohnung haben und muss mit andern Menschen zusammen leben"), dann stellt Erlbruch dieses arme Geschöpf in Becketts leere Welt und fügt sarkastisch den Blick auf ein kuscheliges Mietshaus hinzu - genau besehen eher ein Gefängnis. Oder wenn, fast ganz zum Schluss, Buchstabe Z wie Zeit, Moritz den Tod als das Ende aller Dinge beschwört (und damit, wie Heide Hollmer in ihrem kundigen Nachwort bemerkt, den christ-erbaulichen Muff herkömmlicher ABC-Bücher weit hinter sich lässt), dann porträtiert Erlbruch Chronos als sterbenden Greis, mit runzligem Babykörper, und statt der jähen Todesschwingen wachsen zarte Flügel aus seinen Schultern, umgibt ihn Schmetterlingshauch.

Das Schönste aber sind Erlbruchs Metamorphosen, das vertraute Spiel mit den grafischen Techniken, den Papiersorten. Alte Bögen, bedruckt oder in steiler deutscher Schrift beschrieben, wechseln mit den bräunlichen Rückseiten längst vergessener Formulare und Tabellen. Er malt mit Kreide auf Tafeln, skizziert in Öl, druckt alle Arten von Stempeln ins Bild. Scherenschnitte werden mit zarten Bleistiftporträts kontrastiert; neben die schwarze Maske des Xerxes, des tumben Heros, rückt er Moritz selbst (nach einer Zeichnung von Lips), den gelassenen Weisen, den hellen Kopf. Der Leib der Kuh, Buchstabe K, ist aus dem gleichen Stoff wie der Chronos-Flügel. Immer wieder tauchen Rechenpapier und alte Karten auf - vermessene Aufklärung. Dazu Moritz' Erläuterungen auf grünlichen Löschblättern, wie sie früher in den Schreibheften lagen, mit etwas Geschick durchaus als Spickzettel zu gebrauchen ... So entstehen, wie man aus den immer gleichen Buchstaben immer neue Wörter und Sätze kombiniert, aus einer festen Anzahl von Papieren immer neue Tableaus. Zahllose Anspielungen sind zu entdecken, maliziöse Zitate, feine Scherze, stille Brücken zwischen den Bildern, und die Fantasie bleibt tüchtig beschäftigt.

Ein Kinderbuch und kein Kinderbuch. Ein Buch zum Schreiben- und Lesenlernen (sogar nach den hippen Regeln der superneuesten Rechtschreibung gesetzt!). Und zugleich viel mehr als das: ein Beitrag zur praktischen Anthropologie. Ein Gespräch von Jahrhundert zu Jahrhundert zwischen dem skeptischen Aufklärer Moritz und dem aufgeklärten Skeptiker Erlbruch über die Frage, was den Mensch zum Menschen macht. Ein Gang durchs anatomische Institut, durchs Musée de l'homme. Wo Moritz, der Mann des 18. Jahrhunderts, definiert und inventarisiert - "der Geruch", "der Geschmack", "die Bewegung" -, da löst Erlbruch heimlich die Stricke und Leinen. Wo Moritz predigt, da gerät Erlbruch ins Träumen. Wo Moritz mahnt und klagt, öffnet Erlbruch leise ein paar Türen und Fenster ins Freie. Wo Moritz, vom eigenen Pathos ergriffen, die Tugend preist, inszeniert Erlbruch ironisch das große Welttheater.