Im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ist das Kunstwerk zu einem bedrohten Gut geworden. Besonders die Musikindustrie hat damit zu kämpfen, dass sich ihre Produkte in digitaler Form beliebig vervielfältigen lassen, ohne dass die Tonqualität leidet - und ohne dass die Künstler oder ihre Plattenfirmen dafür bezahlt werden. Besonders die MP3-Dateien im Internet sind den Musikfirmen ein Dorn im Auge. In Minutenschnelle kann sich auch der deutsche Musikfan seine Lieblingshits von einem Server in Russland herunterladen - oder aus einem anderen Land, das im Moment wichtigere Probleme hat als die Strafverfolgung von Musikpiraten.

Der neueste Vorschlag der Tonträgerindustrie, vorgetragen durch ihren Verband Ifpi: Deutschlands Grenzen sollen dichtgemacht werden für die musikalische Konterbande. Jeder Internet-Provider, der eine Verbindung ins Ausland unterhält, soll verpflichtet werden, eine Art elektronischen Türwächter zu unterhalten: ein Gerät, das regelmäßig von der Ifpi eine Liste von Internet-Adressen mit illegalen Musikdateien erhält. Versucht ein Surfer, eine solche Seite aufzurufen, erhält er eine entsprechende Meldung, aber nicht die gewünschte Musik.

Das Rights Protection System (RPS) der Ifpi, das in dem Test seine Wirksamkeit unter Beweis stellte, erfordert nämlich ein Gerät der Firma Novell, das die Kleinigkeit von 50 000 Mark kostet. Wer diese Investitionen übernehmen soll, ist noch vollkommen offen.

Egal, welche technische Lösung die Provider einsetzen, sie muss nach dem heutigen Stand der Technik ständig gespeist werden mit den Erkenntnissen der Fahnder, die im Dienst der Plattenfirmen zeitraubende Handarbeit verrichten: Es gibt kein automatisiertes Verfahren, eine digitale Kopie von Madonnas letztem Hit zu erkennen. Dateinamen geben lediglich Hinweise auf den Inhalt, die Fahnder müssen sich jeden Titel einzeln anhören. Außerdem wechseln die Server-Adressen oft innerhalb weniger Stunden, sodass die Negativlisten ständig aktualisiert werden müssten.

Faktisch würde die Einführung eines solchen Sperrsystems bedeuten, dass die Musikwirtschaft als Zensor bei jedem Internet-Dienst im System säße. Die Internet-Gemeinde reagiert aber höchst sensibel auf das böse Wort Zensur, wie überhaupt auf jeden Versuch, den freien Fluss von Informationen im Netz zu behindern. Deutschland hat sich in der jüngsten Vergangenheit schon mit dem Verfahren gegen den ehemaligen CompuServe-Chef Felix Somm (damals ging es um Porno-Newsgroups) und die Online-Ausgabe der Links-Postille radikal unbeliebt gemacht. Eine digitale Grenzkontrolle in der Form, wie die Ifpi sie vorschlägt, würde mit Sicherheit wieder internationale Proteste nach sich ziehen - auch wenn der Phono-Verband mit Recht darauf hinweist, dass die Daten eines geklauten Musiktitels wohl kaum unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen.

Es stellt sich aber auch die Frage, ob Systeme wie RPS überhaupt effektiv sein können. Der Kampf gegen Musikpiraten im Netz gleicht dem Rennen zwischen Hase und Igel - die Industrie hat für ihre kostbaren Daten noch keinen Schutz gefunden, den gewiefte Hacker nicht innerhalb kürzester Zeit durchbrochen hätten. Die Plattenfirmen können nur versuchen, die Musikpiraterie so mühselig zu machen, dass Durchschnitts-User das Interesse verlieren.

Einen 100-prozentigen Schutz wird auch das RPS-System nicht bieten. Johannes Lenz-Hawliczek, Sprecher des Providers TCP/IP, hat vorsorglich schon einmal Kontakt mit den Hackern vom Chaos Computer Club aufgenommen: "Mal sehen, was dem CCC dazu einfällt."