Gibt es eine Größe, die der Größe menschlicher Schuld, die also allem Bösen in der Welt gewachsen sein könnte? Die es nicht ungeschehen macht - denn das ist unmöglich. Die es nicht für alle Zukunft bannt - denn das ist nach aller geschichtlichen Erfahrung mehr als unwahrscheinlich. Aber eine Größe, die dem Bösen nicht auch noch den letzten Sinn der Welt überlässt. Der Besuch des Papstes in Israel hat von dieser Größe zumindest eine Ahnung vermittelt.

Johannes Paul II. ist bei dieser Reise gewissermaßen über sein gesamtes Pontifikat hinausgewachsen und hat damit ein kirchengeschichtliches Datum gesetzt, weit über die katholische Kirche hinaus. Die Wurzel des Christentums liegt im Judentum, in einem paradoxen Verhältnis von Identität und Differenz. Aber die Christen haben - als seien sie nicht imstande, die Rätsel ihres eigenen Herkommens auszuhalten - während des größten Teils ihrer Geschichte das Paradox dieser Wurzel verleugnet, ja gewaltsam zerstört. Sie sind schließlich dem Völkermord an ihren geschiedenen Geschwistern nicht tapfer genug entgegengetreten. Der Papst ist mit seiner Reise nicht nur geografisch, sondern auch theologisch an den Ausgangspunkt der Geschichte zurückgekehrt. Vor allem menschlich.

Gegenüber diesen Aussagen behält alles Nachrechnen und Nachrechten, etwa darüber, ob nicht ein deutliches Wort über Papst Pius XII., seinen schweigenden Vorgänger in den Jahren des Holocaust, angebracht gewesen wäre, ein allenfalls relatives Recht. Schwerer wiegt da ein kategorischer Satz wie dieser: "Religion ist und darf nie eine Entschuldigung für Gewalt sein."

Was wäre der Welt - von der ersten Judenverfolgung, von der ersten Christenverfolgung über die gewaltsame Mission und Inquisition und die innerchristlichen Bruderkriege bis hin nach Nordirland und auf den Balkan - erspart geblieben, wäre der Satz von Anfang an befolgt worden! Hinter diese Reise, hinter diesen Papst kann und darf die künftige Kirchenpolitik nie zurückfallen.