Worum geht es bei der jüngsten Aufregung um Echelon und die Spionage der Vereinigten Staaten gegen europäische Wirtschaftsunternehmen? Fangen wir mit ein paar offenen Worten von amerikanischer Seite an. Ja, meine kontinentaleuropäischen Freunde, wir haben euch ausspioniert. Und es stimmt, wir benutzen Computer, um Daten nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen. Aber habt ihr euch auch nur für einen Augenblick gefragt, wonach wir suchen?

Der jüngste Bericht des Europäischen Parlaments über Echelon, verfasst von dem britischen Journalisten Duncan Campbell, hat zornige Beschuldigungen der Kontinentaleuropäer ausgelöst. Der US-Geheimdienst, heißt es, stehle Spitzentechnologie europäischer Unternehmen, um sie - man höre und staune - zur Verbesserung der eigenen Konkurrenzfähigkeit an amerikanische Unternehmen weiterzugeben. Liebe europäische Freunde, kommt bitte auf den Boden der Tatsachen zurück. Es stimmt zwar, dass die Europäer den Amerikanern auf einer Hand voll Gebiete technologisch überlegen sind. Aber, um es so behutsam wie möglich zu formulieren: Die Anzahl dieser Gebiete ist sehr, sehr gering. Die meiste europäische Technologie lohnt den Diebstahl einfach nicht.

Richtig, meine kontinentalen Freunde, wir haben euch ausspioniert, weil ihr mit Bestechung arbeitet. Die Produkte eurer Unternehmen sind oftmals teurer oder technologisch weniger ausgereift als die eurer amerikanischen Konkurrenten, manchmal sogar beides. Deshalb bestecht ihr so oft. Die Komplizenschaft eurer Regierungen geht sogar so weit, dass Bestechungsgelder in mehreren europäischen Staaten noch immer steuerlich absetzbar sind.

Kommt bitte wieder auf den Teppich, Europäer!

Wenn wir euch dabei erwischt haben - das mag euch vielleicht interessieren -, haben wir euren amerikanischen Konkurrenten kein Wort davon gesagt. Stattdessen wenden wir uns an die von euch bestochene Regierung und erklären deren Vertretern, dass wir diese Art von Korruption ganz und gar nicht gut finden. Häufig reagieren sie darauf, indem sie dem Anbieter, der das von der Sache her beste Angebot vorgelegt hat (manchmal ein amerikanisches Unternehmen, manchmal auch nicht), den ganzen Vertrag oder einen Teilvertrag geben. Das ärgert euch und führt gelegentlich zu gegenseitigen Beschuldigungen zwischen den aktiven und passiven Beteiligten solcher Bestechungsversuche, und hin und wieder wird daraus ein öffentlicher Skandal. Zu unserer großen Freude.

Warum bestecht ihr? Nicht, weil eure Unternehmen von Natur aus korrupter sind. Auch nicht, weil ihr von Natur aus technisch unbegabter seid. Sondern weil euer ökonomischer Schutzpatron noch immer Jean-Baptiste Colbert ist, unserer hingegen Adam Smith. Trotz einiger Reformen in letzter Zeit spielen eure Regierungen nach wie vor eine mehr oder minder dominierende Rolle in der Wirtschaft, und deshalb habt ihr viel größere Probleme als wir in Bezug auf Innovationen, Förderung der Mobilität der Arbeitskraft, Kostensenkung, Anlockung von Kapital für sich schnell entwickelnde junge Branchen und rasche Anpassung an sich wandelnde ökonomische Rahmenbedingungen. Ihr macht euch lieber nicht die Mühe, den Weg zu weniger Dirigismus einzuschlagen. Denn es ist so viel einfacher, weiterhin Bestechungsgelder zu bezahlen.

Die CIA sammelt auch andere Wirtschaftsdaten, aber in ihrer überwiegenden Mehrheit sind das keine gestohlenen Geheimnisse. Vor vier Jahren hat die Aspin-Brown-Kommission festgestellt, dass rund 95 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsinformationen aus frei zugänglichen Quellen stammen.

Mr. Campbell hat vermutlich folgendes Bild vor Augen: Ein geschickter CIA-Spion schleicht sich heimlich aus einem sicheren Unterschlupf, wechselt seine Verkleidung, vergewissert sich, dass er nicht beobachtet wird, nimmt per Spionagesatellit Kontakt auf und - kauft sich eine indonesische Zeitung. Wenn ihr Europäer wirklich glaubt, wir unterzögen uns solch absurden Mühen, um an öffentlich zugängliche Informationen heranzukommen, warum lacht ihr dann nicht einfach über uns, statt euch dermaßen zu echauffieren?

Was sind das für Wirtschaftsgeheimnisse, an die wir - zusätzlich zu den Informationen über Bestechungsversuche - mittels Spionage herankommen wollten? Ein Beispiel sind die Bemühungen einiger Unternehmen, den Transfer von dual-use-technology - Technologie mit doppeltem Verwendungszweck - zu verheimlichen. Verkäufe von Supercomputern und gewissen Chemikalien verfolgen wir sehr aufmerksam, weil diese nicht nur für kommerzielle Zwecke benutzt werden können, sondern auch zur Produktion von Massenvernichtungswaffen. Ein anderes Beispiel sind Wirtschaftsaktivitäten in Ländern, die von Sanktionen betroffen sind - Bankgeschäfte mit Serbien, Ölschmuggel mit dem Irak.

Aber sammeln oder sichten wir auch nur geheime Informationen zugunsten bestimmter amerikanischer Unternehmen? Selbst Mr. Campbell gibt zu, dass wir das nicht tun, obwohl er es nicht über sich bringt, es zu schreiben, außer in Form einer doppelten Verneinung: "Im Allgemeinen ist das (die Tätigkeit der CIA, d. Red.) nicht inkorrekt." Die Aspin-Brown-Kommission hat sich da klarer ausgedrückt: "Die Nachrichtendienste der Vereinigten Staaten haben nicht die Aufgabe, ,Industriespionage' zu betreiben - das heißt, sich Firmengeheimnisse zugunsten eines oder mehrerer US-amerikanischer Unternehmen zu beschaffen."

Die französische Regierung setzt nun eine Kommission ein, die all dies untersuchen soll. Hoffentlich kommen die Mitglieder dieser Kommission nach Washington. Wir sollten zwei Seminare für sie veranstalten. Eins zu unserem Gesetz über korrupte Auslandspraktiken und darüber, wie wir mithilfe dieses Gesetzes amerikanische Firmen sehr wirkungsvoll davon abhalten, fremde Regierungen zu bestechen. Das zweite Seminar sollte die Frage beantworten, warum Smith die bessere Leitfigur für Wirtschaftssysteme des 21. Jahrhunderts ist als Colbert. Anschließend könnten wir auf das Thema Industriespionage zu sprechen kommen, und unsere Gäste könnten erklären - sofern ihnen das gelingt, ohne rot zu werden -, dass sie keine betreiben. Wird die nächste Kommission sich dann mit unhöflichen amerikanischen Oberkellnern befassen?

Kommt wieder auf den Teppich, Europäer. Hört auf, uns Vorwürfe zu machen, und reformiert eure etatistische Wirtschaftspolitik. Dann können eure Unternehmen effizienter und innovativer werden und müssen nicht mehr auf Bestechung zurückgreifen, um konkurrenzfähig zu sein.

Und dann brauchen wir euch auch nicht mehr auszuspionieren.

Nachdruck aus Wall Street Journal Europe Aus dem Englischen von Peter Robert