Ein Mann mit Gitarrenkoffer überquert die Schlachthöfe von Chicago. Triefende Rinderhälften und brennende Mülltonnen im Morgengrauen. Ein Bild vom Dschungel, wie es der Schriftsteller Upton Sinclair über der Industriestadt Chicago errichtete. Aber Gang, Kleidung und Klangspur schlagen einen leichteren Ton an, jazzy und hip . Es ist die Zeit der großen Wirtschaftskrise und zugleich der Moment, in dem die amerikanische Popkultur zu ihrem internationalen Siegeszug ansetzt. Chicago spielte damals eine besondere Rolle: als Zentrum des Gangsterkults in Print, Funk und Film sowie als Zielort der afroamerikanischen Migranten aus dem Süden - als Ort, an dem Volkskünste wie Blues und Jazz mit den Lautsprechern der Unterhaltungsindustrie verkabelt wurden.

Der Mann mit dem Gitarrenkoffer heißt Emmet Ray (Sean Penn) und ist ein begnadeter Musiker. Da sein Erfinder und Regisseur (Woody Allen) zwar fanatisch dem klassischen Jazz huldigt, aber einen weiten Bogen um die schwarze Kultur zu schlagen pflegt, wurde aus Emmet Ray ein blitzbleicher Prinz des Swing. Allerdings kein Salonjazzer oder Big-Band-Biedermann, sondern ein räudiger, revolverbewehrter Egomane, dessen soziale Kompetenz mit seinem Musiktalent nie und nimmer mithalten kann. Emmet Rays "Hautfarbe" ist das extremistische Weiß der vaterlosen Gossenkinder aus den Einwanderervierteln oder jenes der Hillbillies, des White Trash. Er hat nur zwei Hobbys neben dem Gitarrenspiel: "shooting rats and watching trains".

Das ist die andere Seite des Mythos "Chicago 1930", die Allens Film ins Blickfeld rückt: In den roadside joints am Rande der Stadt sind nicht nur glorreiche Musikanten zu hören, sondern auch die Nebengeräusche von Zuhälterei, Opiumhandel und Mafiafehden. Um den visuellen Klischees zu entgehen, die solche Orte und Umstände gemeinhin hervorbringen, hat Woody Allen den chinesischen Kameramann Zhao Fei engagiert. Dessen Licht ist einfach und klar; kein Schock für kostümfilmverwöhnte Betrachter, aber Ausdruck einer eigenwilligen Idee: Über den Kaschemmen und Bars dieses Films hängen Hunderte rote Lampions, Dreißiger-Jahre-Chinoiserie. Wir sehen eine Surrealität, die nur das Kino herzustellen vermag: das rot-goldene Zeitalter des Al Capone und seiner Shanghai-Triaden.

Sweet and Lowdown bedient sich - wie schon Allens Zelig - der Form des fake documentary: Echte Jazz-Experten informieren uns über eine fiktive Figur mit mythischen Charakteristika. Jenseits der wenigen überlieferten Aufnahmen, die sein Genie bezeugen, wisse man nur wenig über Emmet Ray, Ende der dreißiger Jahre sei er spurlos verschwunden. Allens Film macht sich einen hübschen Running Gag aus der Tatsache, dass es einen einzigen Gitarrero gab, der noch besser war als Ray: Django Reinhardt. Immer wenn er Reinhardt spielen sah, so die Experten, fiel Ray in Ohnmacht - vor Begeisterung und vor Verzweiflung.

Zwei Frauengeschichten verleihen der Figur und dem Film (und Sean Penns überschäumender Spiellust) scharfe Konturen. Die eine, Blanche (Uma Thurman), redet ihn nieder mit ihren Bohème-Theorien über das riskante Leben. Sie begehrt und analysiert ihn, schreibt seine Ruhmes- und Schandtaten akribisch mit und wendet sich am Ende einem Gangster zu, der noch intensivere Slumming-Erfahrungen bietet. Emmet erkennt ihr wahres Ziel: "I'm your husband, not some stupid book idea!" Die andere, Hattie (Samantha Morton), redet kein Wort. Sie ist sehr verliebt, praktisch veranlagt und stumm. Das gibt Morton die Gelegenheit, Penn in der Art später Stumm-Filmkomödiantinnen "in den Schoß zu fallen" - als ein trauriges, großäugiges Wesen, mit dem der Schaumschläger wenig anzufangen weiß, das aber bald, nur für ihn und von innen heraus, zu leuchten beginnt.

Ein guter Musiker mit schlechten Manieren

"She's sweet", aber was hat man von solcher Süße im Leben? Weil Emmet Ray auf diese richtige Frage nur dumme Antworten weiß, entscheidet er sich gegen Hattie. Als er zurückkehrt zu ihr, ist es zu spät. Wieder einmal fährt er besoffen zur Müllhalde, zu den Gleisen. Shooting rats, watching trains . Und er zerschmettert seine Gitarre.