Man darf mir glauben, dass ich überrascht war, als mir mitgeteilt wurde, Helmut Kohl sei bereit, mir gegenüber sein viel beredetes Schweigen nicht gerade zu brechen, aber doch in einer Deutlichkeit zu kommentieren, die sein Schweigen von allem Skandalösen befreien werde. Wenn ich, was mir eröffnet wurde, richtig verstanden habe, darf ich alles Eröffnete weitersagen. Warum sonst wird es einem Schriftsteller mitgeteilt!

Was ich erfuhr, ist so schlicht, dass Missverständnisse ausgeschlossen sind. Missverständnisse gibt es ohnehin nicht. Es muss jeder etwas auf seine Weise verstehen dürfen. Nur Herrschsüchtige oder andere Missionare verlangen, dass, was sie sagen, nur auf eine Weise verstanden werden dürfe. Ich sage das auch, weil ich, was Kohl sagte, nicht wörtlich zitiere. In indirekter Redeweise sage ich das Mitgeteilte weiter, weil kein Tonband lief und weil meine Achtung vor dem Wortlaut eines anderen zu groß ist, als dass ich ihn zu imitieren wagte.

Darum habe er dafür gesorgt, dass ein kleinerer Fehltritt publik werde. Eine 2,1-Millionen-Spende, die er nicht ordnungsgemäß habe verbuchen lassen. Also wirklich nichts Epochales, nichts großrangig Schlimmes, kein Hauch von filziger Verderbtheit, nur eine typische Machthaberunempfindlichkeit gegenüber dem Kleingedruckten.

Geleitet von seinem Instinkt für Wirkungen, habe er diese Zweimillionenbagatelle ausgesucht und sie dann als Nachricht lanciert. Was jetzt passiert sei, habe aber sogar ihn, den Kenner und Macher öffentlicher Stimmungen, überrascht. Ihm sei es nur darauf angekommen, seiner Partei die Abnabelung von ihm zu ermöglichen. Er habe nie zu hoffen gewagt, dass ihm das so glänzend gelingen werde. Seine Furcht sei gewesen, dass die Partei den Generationswechsel einfach versäume und dadurch für ein Jahrzehnt oder noch länger unwählbar werde. Er habe eben Angst gehabt, dass Halb- oder Minikohls ihn beerben würden. Deshalb habe er die Affäre durch sein radikales Schweigen ins Skandalöse manövriert. Er habe sein Schweigetheater durchhalten müssen, bis auch noch die letzten Anhänger an ihm zweifelten und aus ihrer lahmen Loyalität schlüpften wie aus einem verbrauchten Gewand.

Aber was er nicht habe berechnen können: wie viel Rechtschaffenheit in dieser Republik lebt. Dass es ihm gelungen sei, seine Parteifreunde von ihm abspenstig zu machen, hätte ihm genügt. Als reines Geschenk empfinde er den Frühling der Rechtschaffenheit, der durch sein schlichtes Manöver über das Land gekommen sei. Politiker gar aller Parteien seien förmlich aufgeblüht in einem einzigen Flor der Rechtschaffenheit. Und aus allen politischen Ecken und Enden diese zu Herzen gehende Sorge um das Wohl und Wehe der christdemokratischen Partei. Zyniker, Intellektuelle der kühlsten Art, Pfarrer und Atheisten - der Abscheu vor seinem bloßen Schweigen habe aus ihnen einen zum Himmel der Demokratie schreienden Chor der Rechtschaffenheit gemacht. Noch nie habe es in dieser Republik so viele gute Menschen, so viele Gerechte gegeben wie jetzt. Denn das sei klar geworden: Jeder, der ihn kritisiert habe, sei dadurch selber zum besseren Menschen geworden.

Nach sechzehn Jahren Kohl, verächtlich System Kohl genannt, diese moralische Sensibilität, diese Tugendbesessenheit. Das dürfe er sich doch wohl zugute halten. Noch nie waren sich so viele so schön einig. Von der PDS bis zur FDP ein fast hemmungsloses Gut- beziehungsweise Bessersein beziehungsweise Besser-als-Kohl-Sein. Nichts habe ihn in seinem Leben so berührt und gerührt wie dieser edelste Wettbewerb im Besser-als-Kohl-Sein. Ihm hätte es genügt, wenn dieser Wettbewerb innerhalb seiner Partei geblieben wäre, dass daraus ein nationales Moralmarathon geworden sei, habe er natürlich nicht hoffen können. Er habe an Daniel Defoe denken müssen, dem es gelungen sei, für eine durchaus vergleichbare Aktion, nämlich für seinen Aufsatz The Shortest Way with the Dissenters , an den Pranger gestellt zu werden. Aber mit was für einer bescheidenen Veranstaltung auf einem traulichen Londoner Platz musste sich dieser Engländer zufrieden geben, verglichen mit dem Medienpranger, den die Prangermedien ihm, dem Helmut Kohl aus der Vorderpfalz, in nicht nachlassender Heftigkeit bereitet haben.

Als er dann sogar habe lesen dürfen, dass er "den hässlichen Deutschen verkörpere" - und er wisse ja, dass "der hässliche Deutsche" solchen Feuilletons liebstes Kind sei -, als er sich so auf seriösestem Papier auf- und ausgezeichnet sah, da habe er zum ersten Mal bemerkt, dass ihn Schauer exhibitionistischer Lust überkommen können. Zum Genuss sei es ihm geworden, als der Verkörperer des hässlichen Deutschen unseren neuesten Chauvinismus, den deutschen Nationalmasochismus nämlich, so gründlich bedienen zu können.