Jede genügend weit fortgeschrittene Technologie, so meinte einst der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke, sei von Zauberei nicht zu unterscheiden. Eine Übertreibung? Keineswegs. Man versetze sich nur einmal in die Gedankenwelt eines Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst die informiertesten Wissenschaftler wagten damals nicht zu träumen, dass 100Jahre später interkontinentale Flugreisen zu den Selbstverständlichkeiten zählen würden, dass Satelliten durchs All reisen, dass Frauen ihre Fruchtbarkeit kontrollieren oder dass tragbare Elektronenhirne die Arbeit in nahezu allen Bereichen revolutionieren.

Sind wir heute ähnlich ahnungslos? Werden auch unsere Enkel über Techniken verfügen, die uns momentan noch wie Zauberei erscheinen? Da diese Frage prinzipiell unbeantwortbar ist, eignet sie sich bestens als Ausgangspunkt für fantasievolle Gedankenspiele. Wie wäre es etwa mit einer Zeitreise oder der Teleportation, dem aus Raumschiff Enterprise bekannten "Beamen"? Merkwürdigerweise verbieten die Gesetze der Physik, wie wir sie heute kennen, solch futuristische Reisemöglichkeiten theoretisch nicht. "Und alles, was die Physik nicht ausdrücklich verbietet, sollte man in Betracht ziehen", sagt der amerikanische Ingenieurwissenschaftler Paul Nahin, der in seinem Buch Time Machines (Springer-Verlag) schon einmal einige Konzepte für Zeitmaschinen diskutiert. Nahin steht nicht allein. Was vor einigen Jahren noch als Science-Fiction erschien, ist heute durch- aus Gegenstand abstrakter physikalischer Gedankenexperimente.

Dem Schöpfer unzähliger weiterer Kassenschlager (Enthüllung, Der dreizehnte Krieger, Emergency Room) haben es jetzt die jüngsten Spekulationen der Physiker angetan. In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch Timeline (Karl Blessing Verlag) beschreibt er mit bewährter Dramatik, wie vier Historiker dank fortgeschrittener Quantentechnologie eine Reise ins 14.Jahrhundert unternehmen und sich dort hauend und stechend durchs raue Leben schlagen. 37 Stunden haben sie Zeit, die Grauen des Hundertjährigen Krieges zwischen Engländern und Franzosen kennen zu lernen, die Belagerung einer Burg nebst allerlei Ränken und Intrigen zu überstehen und am Schluss wohlbehalten ihre Zeitmaschinen wiederzufinden.

Im Paralleluniversum führen die Historiker das Breitschwert

Dass das Wissenschaftsmärchen ein Publikumserfolg wird, steht außer Frage. In den USA landete es auf Anhieb auf Platz eins der Bestsellerliste, die Filmrechte gingen in einem Aufsehen erregenden Deal an Paramount Pictures, und schon im kommenden Jahr könnte die Geschichte von den Breitschwert schwingenden Yale-Historikern die Kinokassen klingeln lassen. Da Crichton mittlerweile auch Computerspiele gestaltet, dürfte die PC-Version von Timeline nicht lange auf sich warten lassen. Die literarische Kritik bemängelte zwar zu Recht die stereotype Machart des Romans, die dürftig geschilderten Charaktere, die "die Unermüdlichkeit und Unzerstörbarkeit von Zeichentrickfiguren" hätten (FAZ), und warf Crichton vor, er "schreibe stets dasselbe Buch" (New York Times Book Review).

Doch selbst seine Kritiker bescheinigen Crichton ein ausgeprägtes Talent, trockene Fakten in spannende Geschichten zu verwandeln. Und so finden sich auf über 500 Time- line- Seiten eben nicht nur schwerterklirrende Zweikämpfe, holde Frauen und dramatische Rettungen in letzter Sekunde, sondern auch ausführliche (und fachlich stimmige) Exkurse über Paralleluniversen und die Merkwürdigkeiten der Quantenwelt. Damit dürfte Crichton zur Popularisierung der Quantenphysik mehr beitragen als sämtliche wohlmeinenden Programme zum public understanding of science, die in letzter Zeit losgetreten wurden.

Gut möglich, dass Crichtons Ritterkrimi auch das Interesse an der Zeitreisenphysik neu entfacht. Schon einmal hatte eine Science-Fiction-Geschichte solch belebende Wirkung gezeigt. Anfang der achtziger Jahre wollte der Astronom und Autor Carl Sagan die Heldin seiner Außerirdischen-Fabel Contact gern überlichtschnell durchs All reisen lassen und bat seinen Freund, den Astrophysiker Kip Thorne, um Rat. Dieser fand prompt eine theoretisch denkbare Methode: So genannte Wurmlöcher könnten als Abkürzungen durch Raum und Zeit dienen. Ein Wurmloch ist dabei so etwas wie ein Schwarzes Loch mit Hinteraus- gang - schwer vorstellbar, aber immerhin mit den Gleichungen von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie in Einklang zu bringen.