Als die Mitarbeiter des Göttinger Zentrums für Europa- und Nordamerika-Studien ihren Sammelband zur politischen Korruption zusammenstellten, konnten sie nicht wissen, mit welcher Macht ihr Thema die Republik binnen kurzem überrollen würde. Weder der Altkanzler noch die große deutsche Christdemokratie, schon gar nicht der ganze Staat wurden im Herbst 1999 von Korruptionskrisen geschüttelt, sondern scheinbar bloß einzelne politische Akteure. Hier war der Bauherr Hombach aus Mülheim/Ruhr ins Gerede gekommen, dort brachte den bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber die LWS-Affäre ein wenig ins Straucheln.

Inzwischen sind wir klüger. Die Rolle des Faktors Korruption in der deutschen Politik war in der Ära Kohl weit größer als bislang angenommen, so viel ist heute gewiss. Das macht den Band aus Göttingen mit seinen acht Beiträgen umso aktueller.

Die Fragen der Autoren stehen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte und ergänzen diese zugleich um Gesichtspunkte, die angesichts der Bestürzung über täglich neue Skandale noch gar nicht in den Blick geraten sind: Welche systemischen Voraussetzungen hat die politische Korruption? Ist in den westlichen Demokratien ein ganz neuer Typus des korrupten business politician entstanden? Sind die Folgen korrupter Praktiken immer nur abträglich, oder gibt es auch Situationen, in denen sie dem Funktionieren des Gemeinwesens zugute kommen können? Lässt sich das Ausmaß von Korruption messen? Und, wie Undine Ruge in ihrem Review-Essay über aktuelle Literatur zum Thema fragt: "Was ist schlimmer: Korruption oder eine Politik der absoluten Korruptionskontrolle?"

Auch die Skandalisierung politischer Korruption könnte einen hohen Preis haben: "Gelingt es, den politischen Gegner als korrupt, pervers oder sonstwie skandalträchtig zu porträtieren, ist man damit der inhaltlichen Auseinandersetzung enthoben", schreibt der Politikwissenschaftler Jens Borchert in seiner Einleitung.

Hier liegt in der Tat eine Gefahr für die deutsche Politik nach der (kein Zweifel: notwendigen) Austreibung des versumpften Systems Kohl. Gleichsam antizyklisch auch auf diesen Gesichtspunkt hingewiesen zu haben ist einer der Vorzüge des Bandes.

Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien Göttingen (Herausgeber): Politische Korruption. Jahrbuch für Europa- und Nordamerika-Studien 3 Verlag Leske + Budrich, Leverkusen 2000 251 S., 48,- DM