Es muss Spaß machen, einen Satz über ein oder zwei Seiten hin mäandern zu lassen, wenn man einmal den richtigen, den boshaften, Ton getroffen hat, mit dem man sich für erlittenes Unrecht rächen kann, und umso mehr, wenn einem dämmert, dass dieses Unrecht eingebildet ist und darin immer mehr die eigene Ähnlichkeit mit den Beschimpften zum Vorschein kommt, was die böse Suada noch steigert und so weiter, und wie schön muss es erst sein, wenn man es schafft, diese Tirade nicht einfach aus sich herausfließen zu lassen nach dem Vorbild von Thomas Bernhard etwa, sondern wenn es einem gelingt, sie einem anderen in den Mund zu legen, der denselben einfach nicht halten kann, und eine Erzählerin zu erfinden, die dies alles in indirekter Rede, also in einem Rausch des Konjunktivs zur Sprache bringt, wobei ihr eigenes Anliegen, etwas Echtes, Wirkliches, etwas Bedeutendes zu sagen, kläglich misslingt. Das Echte und Bedeutende ist eine Tote. Die Fake-Tirade hingegen ist nur eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, dem österreichischen zumal, ein Lamento, ein sich selbst grammatisch und metaphorisch festlich gerierender Offenbarungseid.

Also: Eine Ärztin muss sich fünf Tage lang die Ergüsse ihres Freundes Max anhören, der bei einem Wettlesen zum mitteleuropäischen Literaturpreis in Wien mit viel Häme durchgefallen ist. Eine Patientin von ihr hat sich umgebracht, was im Literaturbetriebsgetöse gar nicht kommuniziert werden kann, weil sich hier Kommunikation immer nur auf Kommunikation bezieht, aber niemals auf einen Kommunikationsabbruch wie den Tod.

Norbert Gstrein hat mit dieser Erzählung seinem großen Roman Die englischen Jahre ein Kabinettstückchen hinterhergeschickt, das nicht so sehr deshalb besticht, weil es das Problem der Nachgeborenen, von einem fernen jüdischen Emigrantenschicksal zu erzählen, in ein Literaturbetriebsdesaster verwandelt, sondern weil es dazu ein Gegengewicht geschaffen hat in der sprachlich inszenierten Unmöglichkeit, vom nahen Tod zu erzählen. Ein paar der Bernhardschen Wiederholungsschleifen sind allerdings zu viel, und gelegentlich droht die trancehafte Wirkung in Langeweile umzuschlagen. Aber, Hand aufs Herz, war das beim Meister nicht auch so? Und, Hand wieder runter, es reicht jetzt auch - wir haben inzwischen genug gescheite, böse Bernhardiner!

Norbert Gstrein: Selbstporträt mit einer Toten Roman Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000 112 S., 28,- DM