Sie sind gewiss ein liebenswerter Mensch, und das Denken an Sie macht froh." Das schrieb Fred Wander 1981 dem italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Jeder, der Levis Berichte über Auschwitz-Birkenau und die Odyssee durch Osteuropa nach der Befreiung gelesen hat, wird Wanders Satz bestätigen können. So grausam das meiste ist, was Levis Bücher Ist das ein Mensch? und Die Atempause festhalten, sie selbst sind Dokumente einer zwar tief verletzten, aber im Kern intakten Menschlichkeit. Primo Levi hat nicht nur seine Haut aus dem Vernichtungslager retten können, es ist ihm auch gelungen, in dieser Hölle seelisch nicht zu verbrennen.

Levis Berichte durften in der DDR nicht gedruckt werden. Gedruckt wurde auch Fred Wanders Brief an Primo Levi nicht, der als Nachwort für eine Doppelausgabe von Ist das ein Mensch? und Die Atempause im Jahre 1981 gedacht war. Wander, Jude aus Wien und lange Zeit überzeugter Kommunist, der von 1955 bis 1983 in der DDR lebte, wusste, wovon er sprach, denn er war selbst KZ-Häftling gewesen. Doch seine Fürsprache war ebenso vergeblich wie die des Akademiepräsidenten Konrad Wolf, der sich die Bemühung des Aufbau-Verlags, Levis Bücher den Lesern in der DDR zugänglich zu machen, nachdrücklich zu Eigen machte.

Meinert hat den bedrückenden Verbotsfall jetzt in der Zeitschrift Sinn und Form (Jahrgang 2000, 2. Heft) dokumentiert. Die Angelegenheit ging bis zu Kulturminister Höpcke und beschäftigte einen Herrn Otto Funke, Vorsitzenden des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der Deutschen Demokratischen Republik. An Funkes Einspruch scheiterte die Publikation der Bücher Levis. Sie enthalten einige Bemerkungen über die Rolle der politischen Häftlinge in der Lagerhierarchie, die nicht ins zementierte Bild vom kommunistischen Widerstand in den Lagern passten. Levi beschrieb, wie wenig solidarisch das Verhalten der Häftlinge unter den Bedingungen der Todesfabrik oft war

wie ein Teil der Bosheit des Terrorsystems Besitz von den Opfern ergriff - einer der schrecklichsten Aspekte der Lagerwelt. Dass Levi dies so scharf erkannte, dürfte eine der Voraussetzungen dafür sein, dass er so viel von seiner Humanität aus Auschwitz retten konnte.

In der DDR war solche Einsicht in die Anfälligkeit der Menschennatur unerträglich. Doch unfreiwillig bestätigte der Antifaschist Otto Funke Levis Wahrnehmungen. Um dessen Bücher zu verhindern, schmähte er ihn als "Zionisten" und rückte Levi in die Nähe "mehr oder weniger krimineller Freunde" in Auschwitz. Funke war im "Dritten Reich" selbst politischer Häftling gewesen. Das hat ihn nicht davor bewahrt, sich im unangenehmen Bürokratenton des preußischen Sozialismus von einem so unsicheren Kantonisten zu distanzieren wie dem italienischen Juden Primo Levi.