In jedem Anfang wohnt der Zauber einer Schwindelei, mal ist sie größer, mal kleiner, aber immer unvermeidlich. Das gilt auch für das Erzählen von Geschichten. Hier gibt es keine Unschuld des Neubeginns, kein unbeschriebenes Blatt und kein erstes, reines oder ursprüngliches Wort. Wer zu erzählen anfängt, antwortet bereits auf etwas, das ihm vorangegangen ist, auf irgendein Ereignis, eine Störung, die ihn ganz unvermutet wie eine Frage bedrängt. Und trotzdem: Wer sich in die Pose des Erzählers wirft, muss so tun, als gäbe es diese fragwürdige Herkunft nicht und wenn, dann nur als eine ihn legitimierende Kraft.

Kein Königreich, keine Herrschaft und keine Staatsgründung ohne Erzählung. Im Extrem will sie ganz Antwort sein, uneingeschränkt und unangefochten, im Normalfall, so will es scheinen, gestattet sie nur Fragen, die nicht stören.

Doch nicht mit Klaus Theweleit! Der Autor "ungebetener Biografien" misstraut von jeher der erzählerischen Macht. Mit zettelkastenbewehrter Gelehrtheit stellt er ernste Fragen und schreibt sperrige Bücher. Seit den ausgehenden siebziger Jahren verfolgt er in durchaus ideologiekritischer Absicht ein etwas anderes Projekt der Frankfurter Schule. Denn er gehorcht nicht dem strengen Kanon der klassischen Moderne, sondern tummelt sich überwiegend in den unendlichen Weiten des Trivialen und Populären. Seine Archäologie des trash und pulp will andere Geschichten erzählen.

Allerdings keine harmlosen. Das stellten schon Theweleits sprichwörtlich gewordenen Männerphantasien unter Beweis. In zwei voluminösen Bänden gab er Bericht von den wilhelminischen und faschistoiden Gewaltkörpern, von feucht-schwülen, schwitzenden und dampfenden Männerbünden, von militarisierter und brutalisierter Sexualität, von Offizieren, Gentlemen und Laumännern oder von literarisierten Stahlgewittern. In dem noch umfangreicher angelegten Buch der Könige verfolgte er - mehrbändig verteilt auf bislang 3000 Seiten - die politische Ökonomie des Opfers. Dabei stand die Produktivkraft der zumeist heterosexualisierten Lebensgemeinschaften im Vordergrund. Klar, dass unter patriarchalen und kapitalistischen Bedingungen das Paar zur idealen Produktionseinheit verschmelzen musste, in der fast immer das Weibliche der aparte Opferstoff ist, aus dem unsere Helden sind.

Alltägliches Spektakel, alltäglicher Kannibalismus. Als analytische Kür und Fortsetzung dieses Projekts war eine Auseinandersetzung mit Sigmund Freud angekündigt, Céline und Joyce sollten folgen. Sie werden kommen, ganz bestimmt und irgendwann. Doch kein Weg ohne Umweg, jetzt gibt es erst einmal Pocahontas. Von dem auf vier Bände angelegten Opus liegen mittlerweile der erste und der letzte Band vor, die Folgen PO und TAS. Mit dieser Anordnung hat sich Theweleit selbst eine Begrenzung gesetzt - mal sehen, ob sie ihn zu weiteren Umwegen treibt. Immerhin zeichnen sich schon jetzt die Umrisse des Pocahontas-Komplexes ab. Er bündelt die Motive aus den Männerphantasien und dem Buch der Könige, darüber hinaus entwirft er das Programm für zukünftige Unternehmungen. Pocahontas erstattet einen ausführlichen Zwischenbericht der laufenden Arbeiten.

Gleichwohl erobert dieser "Komplex" auch neues Terrain. Theweleit beschäftigt sich mit der Kolonisation des "nicht-columbianischen Amerika" und den Mythen, die uns davon erzählen. Der erste Band führt ein in die historischen Grundlagen. Dabei ist anzumerken, dass die Quellen nicht unbedingt als zuverlässig gelten

Pocahontas jedenfalls ist als historische Figur verbürgt.