Das Café Deutschland ist schon länger zu, und in den Kaffeehäusern der Verbündeten aus Literatur und Malerei haben sich die Schwingtüren sacht geschlossen. Kein Ort mehr, nirgends dicht gedrängte Köpfe. Nur manchmal noch ein großer Geist aus dem Jenseits, den zu beschwören sich lohnt. Vorbei die Freundschaftsbilder, die Historienstücke, die grellen Blitze aus dem Dunkel.

Die Gegenwart ist licht und Jörg Immendorff allein, aufgehoben in grenzenlosen, beinahe monochromen Bildgründen und mit monumentalen Emblemen beschäftigt. Die Energie der Malerei, sagt er, sei "die Antwort für das, was die großen Erzählungen nicht mehr herausgeben". In der Kestner Gesellschaft Hannover (bis zum 7. Mai, Katalog 56,- DM) trifft nun die bekannte Immendorffsche Prosa irrlichternder Malgeschichten mit der eher verschlossenen Poesie seines Aufbruchs zusammen. Den Weg dahin helfen Zeichnungen zu erläutern: Arbeitsskizzen von großer Lebendigkeit, mit merkwürdigem Personal durchsetzt. Raupen finden sich darin, ohne zu Schmetterlingen zu werden, es gibt Blüten und Moleküle, es gibt kahle Bäume mit assortierter Malerpalette und eine technoide Variante des Turmbaus zu Babel. Eine Frauengestalt aus dem Figurenfundus der Renaissance wandert zwischendrin umher, nicht ohne Mühsal, die Füße auf Kugeln festgebunden, von Stöcken gestützt. Es ist ein Zeichen, ein Rätsel, umgeben von anderen auf der Fläche isolierten Rätseln. Immendorff geht erkennbar animiert mit diesen malerischen Erfindungen aus jüngster Zeit um und kostet deren manieristische Möglichkeiten aus. Das seltsam Klassische daran verblüfft. Das Beunruhigende, Irreale dieser Malerei ist anziehend, weil es das Vorfeld früherer Bilderzählungen so souverän hinter sich lässt. Bedeutet es Rückzug oder neue Freiheit? Mal sehen.