Während die Frauen schlafen, reden die Männer. Über die Frauen.

Beziehungsweise über das, wozu die Frauen sie treiben: Anbetung zum Beispiel.

Und wenn man es mit einem erzählerischen Werk von Javier Maras zu tun hat, sind allgemeine Betrachtungen über das Wesen der Anbetung von Frauen mit eingeschlossen. Es kann statt Anbetung auch Verachtung sein oder Mordlust oder Neugier. Und was sonst noch an Regungen zum wortgewandten Betrachtetwerden geeignet ist.

Aber in Wirklichkeit, nicht in der Literatur, reden Männer natürlich über Fußball - egal, ob die Frauen schlafen oder nicht. Beide Aspekte des Männergesprächs nach Maras liegen nun in Buchform vor.

Die frühen Bücher dieses Autors bekamen wir hierzulande ja stets in umgekehrter Reihenfolge ihres Entstehens zu lesen. Wir hätten sie wahrscheinlich überhaupt nicht zu lesen bekommen, wären seine Romane mit den Shakespeare-Zitaten als Titel nicht auf so große Zustimmung beim Literarischen Quartett gestoßen. Bei einem im vergangenen Jahr erschienenen Band mit Erzählungen aus den Jahren 1991 bis 1995 (Als ich sterblich war, Zitat: Richard III.) fiel auf, wie sehr Thematik, Temperatur und Perspektive der Erzählungen den Romanen gleichen

und auch das jetzt vorliegende mit Erzählungen aus 15 Jahren und anno 90 in Spanien noch ohne das Markenzeichen Shakespeare publiziert, enthält dieselben Ingredienzen: Abgesehen von den Shakespeare-Zitaten sind das tote Frauen, Gespenster, allgemeine Betrachtungen, Verstrickungen, Anglophilie und ein sehr distanzierter, nur am Rande beteiligter Ich-Erzähler.

Aber das andere, das allerneuste, das Fußball-Buch ist die größere, die wirkliche Überraschung. Es zeigt einen ganz anderen Javier Maras: einen naiven, hemmungslos (für seinen Verein Real Madrid) parteiischen, witzig polemischen und - man kann es kaum glauben - moralischen Publizisten.

Was in seinem erzählerischen Werk auch in hocherotischen Situationen niemals aufkommt und sich auch bei Mord, Betrug und gespensternder Heimsuchung nicht einstellen will - beim Fußball ist sie da: die erhöhte Temperatur. Wenn es um die Vereine, die Pokale, die Tore geht, glüht plötzlich die Leidenschaft auf, bricht der Zorn aus, wird dem großen Di Stéfano, dem einstigen Nationalheiligen des spanischen Fußballs, mit begeisterter Ehrfurcht Reverenz erwiesen, wird der Anstand der kastilischen Stadt Soria samt ihrem Verein gefeiert (in trautem Einverständnis mit Peter Handke, der ebenfalls einen Hang zu Numancia Soria zu haben scheint). Und über die Geschichten vom Fußball gibt der Autor sogar höchst private Episoden aus seiner Kindheit preis.

Auch wenn man kein tieferes Interesse für Fußball hegt, hat dieses von Paul Ingendaay für das deutsche Publikum sehr einsichtig herausgegebene kleine Buch schon fast Offenbarungscharakter. Auch wir Nichtfußballfreunde verstehen plötzlich - zumindest ansatzweise -, warum das Geschehen auf dem Spielfeld und davor und danach und drum herum solche Gefühle freisetzt. Und das will viel heißen. "Allein mit Professionalität und Technik läßt sich etwas derartig Leidenschaftliches wie Fußball nicht spielen." Solche Sätze aus der Tastatur eines Autors, der sich in seinen erzählerischen Texten sonst derartiger Leidenschaftslosigkeit in höchster Professionalität befleißigt, lässt man sich gerne auf der Zunge zergehen.

Natürlich geht Maras als gebildeter Zeitgenosse auch auf die üblichen kritischen Einwände gegen das Phänomen Fußball ein

zum Beispiel die dem Publikumssport innewohnende Funktion, hoch emotionalisierte Massen zu mobilisieren. Und siehe da, er erweist sich als freundlicher pädagogischer Vertreter des Common Sense, indem er in seiner Zeitungskolumne an alle Leser "eine persönliche Bitte" richtet: "Tun Sie nie etwas, nur weil die Atmosphäre danach verlangt." Da hat er Recht, und man kann das nur als politisch vollkommen korrekt abnicken. Man hat aber schon Interessanteres zu dem Thema gelesen.

Mit derselben Ernsthaftigkeit werden auch die traditionellen Gegnerschaften der großen spanischen Vereine behandelt: etwa die zwischen Atlético Madrid und Real Madrid, wobei die Frage mitspielt, welcher von beiden sich mit dem Franquismus weniger gemein gemacht hat. Maras, selbstverständlich, bricht mehrere Lanzen für Real, wobei er als stichhaltigen Beweis anführt, dass er selbst, seine Brüder und andere Gleichgesinnte aus bis auf die Knochen antifranquistischen und liberalen Elternhäusern von Kindheit an Real-Madrid-Fans waren. So schmücken das Buch auch die alten Sammelbildchen - schlechte Fotos von Männern im weißen Trikot. Es ist pure und süße Nostalgie.

Und doch ist der Maras des Fußball-Buchs, der sympathische Gefühlsmensch, der Moralist und aufrechte Antifranquist auch nicht ganz der Dr. Jekyll zu den fragwürdigen Mr.-Hyde-Charakteren seiner Romane und Erzählungen. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist ein ausgeprägtes Stilgefühl, das sich sowohl in der Beurteilung ästhetischer Kriterien eines Fußballspiels wie in der Auffassung von literarischer Form äußert. Allerdings muss man sich, was den vorliegenden Erzählband betrifft (drei Geschichten sind allerdings schon in verschiedenen Anthologien erschienen), vergegenwärtigen, dass er eben ein wenig bejahrt ist und den Autor nicht unbedingt auf der Höhe seines Könnens zeigt.

Die Idee, Frauen zu ermorden, taucht drei Mal auf

Aber zumindest erhalten wir darin einen hintergründigen Einblick in den Werdegang eines Autors und jener Themenkreise und literarischen Vorlieben, die Maras später in den Romanen großformatig umgewälzt hat. Der Hang zu Gespenstern, zum Beispiel, war offenbar in den jungen Jahren des Autors noch ausgeprägter als heute und sehr viel unbekümmerter. Wenn in den Romanen das Gespenst den Umweg über ein Königsdrama nehmen muss, um sich zu materialisieren, beziehungsweise zu literarisieren, tritt es in den frühen Erzählungen mit vergnügter Offenheit und in gemütlich viktorianischer Diktion auf. Das ist zum Teil recht lustig zu lesen, sofern man an Geistergeschichten Vergnügen findet. Aber es ist doch eher leichte Lektüre, und erst in den späteren Erzählungen kommt durch die allgemeinen Betrachtungen und einen etwas diffizileren Aufbau jener literarische Mehrwert hinzu, für den Maras mittlerweile bekannt ist und der bei der Erforschung der Grenzgebiete eines Ichs mit den Mitteln einer kalkuliert im Zaum gehaltenen Sprache entsteht.

Maras betreibt die reflektierte Grenzüberschreitung am häufigsten im Abschnitt Tod und Moral. Ein Mann - der, der in der Titelerzählung nachts am Swimmingpool redet, dieweil die Frauen schon schlafen - legt eloquent seine Gründe für die zwangsläufig bevorstehende oder möglicherweise bereits geschehene Ermordung seiner Geliebten dar. Es ist eine zynische Beichte von wahnhafter Logik.

Ein anderer Mann erlebt mit der toten Geliebten seines toten Vaters eine rauschhafte Liebesnacht. Auch hier herrscht die Zwangsläufigkeit des Obsessiven wie in allen Erzählungen, abgesehen vielleicht von einer, die von einem verschollenen Schriftsteller handelt und die eine Nebenhandlung des Romans Alle Seelen aufgreift.

Die Idee, Frauen zu ermorden, taucht in drei der neun Erzählungen auf. In zweien geht es um die Spiegelung, respektive Verdoppelung eines Ichs und um dessen Untergang. In zwei weiteren um schwarze Magie. Wobei das Wort "Magie" in diesem Zusammenhang nicht das passende Wort zu sein scheint

denn Maras' Macht- und Todesfantasien werden aufgezeichnet wie Rechenexempel, in denen zwischen Diesseits und Jenseits, allen Unbekannten zum Trotz, ein Gleichheitszeichen steht.

Der Band beginnt, dem retrospektiven Publikationsmuster folgend, mit der neuesten Erzählung. Im Lauf der Lektüre bildet sich bei abnehmender literarischer Substanz ein schaurig-schön knarzender Tonfall heraus, während der Umgang mit dem nebulös Numinosen immer unbefangener wird. Am Ende der Skala und des Buches steht die in kauderwelschender und pseudoaltphilologischer Geschwätzigkeit abgefasste allgemeine Betrachtung über das Wesen des Schicksalhaften und Militärischen aus dem Munde eines Offiziers. Sie mag 1978 in Spanien, kurz nach dem Putschversuch der franquistischen Militärs, eine hohe Aktualität besessen haben.

Interessant für heutige Leser ist an diesem Buch hauptsächlich eines: zu beobachten, wie der Autor die mit morbider Jenseitigkeit und moralischer Spannung aufgeladenen Topoi viktorianischer Literatur zu mehr oder weniger eleganten Beweisführungen für die Überflüssigkeit von Moralität in der Literatur benutzt.

Wenn die literarische Bilanz in dem Erzählband auf Überflüssigkeit, ein paar Tote und stilistische Genremalerei hinausläuft, kann man Maras unter der Rubrik Sportpublizistik ein paar richtige Helden gutschreiben und echtes Amüsement.

* Javier Maras:

Während die Frauen schlafen

Erzählungen

aus dem Spanischen von Renata Zuniga

Wagenbach Verlag, Berlin 1999

158 S., 26,80 DM

* Alle unsere Schlachten. Fußball-Stücke

Aus dem Spanischen von Alexander Dobler und Catalina Rojas Hauser

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000

138 S., 34,- DM