Ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein. Ein Dasein, welches sich, merkwürdig genug, dem öffentlichen Blick fast nahtlos erschließt. Ob er im Gesicht der jungen Person, die ihn im Auftrag des Dramatikers Georg Kaiser an einem Sonntagmorgen im Juli 1924 von einem kleinen Provinzbahnhof unweit Berlins abholt, nun "eine Mischung aus kindlicher Unschuld und der Verschlagenheit einer Straßengöre" konstatiert oder ob Lotte Lenya, ebenjene Person, als sie längst verheiratet sind, unter einem Bandwurm leidet und er ihr als Therapie vorschlägt, den Wurm doch einfach "Adolf" zu nennen - es sind die intimen Details, die der Nachwelt d as Gefühl bescheren, das Leben des Komponisten Kurt Weill jederzeit wie unter einem Mikroskop zu betrachten. Den Rest an Anschauung liefert ohnehin die Zeitgeschichte: Kaum eine andere Musikerbiografie (von Arnold Schönberg und Hanns Eisler einmal abgesehen) scheint mit den politischen Ereignissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so prominent verquickt. Vom kleinen anhaltischen Städtchen Dessau in die Weltmetropole New York, aus dem gestrengen jüdischen Kantorenhaushalt in ein Leben voller Freizügigkeiten führte für Weill kein Weg zurück.

Und dann gab es da noch eine pralle, fiebrige und anekdotische Existenz: die der Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer, auch Linnerl genannt, die am 18.

Oktober 1898 im 14. Wiener Bezirk das Licht der Welt erblickte, in schwerster Armut heranwuchs, sich, mit einem bodenständigen Sinn fürs Überleben ausgestattet, früh prostituierte, 1920 in Zürich die Theaterlaufbahn einschlug und 1924, wie gesagt, als sie bereits Lotte Lenya hieß und sich in Berlin von einem Engagement zum nächsten hangelte, Kurt Weill kennen lernte.

Lange bevor sie sich das Haar karottenrot färbte und mit ihrem legendären Timbre aus "gesprungenem Glas", aus "Sandpapier gegen Sandpapier" seine weltberühmten Songs intonierte, den Surabaya Jonny und Youkali und natürlich die Ballade von Mackie Messer, galt Lenya als Inbegriff mondäner Verruchtheit.

Das Klischee von Künstler und Muse stimmt hier nicht

Sie war das Geschöpf der wilden zwanziger Jahre in Berlin - und Weills einzige Muse. "Wenn ich mich nach dir sehne", schreibt der Komponist 1926, "so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du (für mich) ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir."

Zwischen dem "alten, rotzigen Linnerl" jedoch, dem Lenya in einem verborgenen Winkel ihres Herzens zeitlebens die Treue hielt, und den lasziven Fotografien der frühen dreißiger Jahre, die die Chanteuse mit langer Zigarettenspitze zeigen und einem Blick "so intensiv wie leer", blieb stets auch Raum für Eigenes. Das Klischee des Künstlers und seiner Muse, das Klischee von männlichem Schöpfergeist und willigem weiblichen Echo, es findet bei Kurt Weill und Lotte Lenya wenig Nahrung. In seiner ausgesprochen interessant zu lesenden Doppelbiografie des Paares, Zwei auf einer Insel, nun trägt der Musikwissenschaftler Jens Rosteck diesem Phänomen erstmals ernsthaft Rechnung - ein gewaltiges, richtungweisendes Verdienst. Unwillkürlich kommen einem bei der Lektüre andere Paare der Musikgeschichte in den Sinn, denen ein solches Schicksal längst hätte beschieden sein müssen, Clara und Robert Schumann etwa oder auch Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy. In der Spiegelung nämlich, im zweifachen, "kritischen" Blick und vor allem: in der absoluten Gleichberechtigung von schöpferischer und nachschöpferischer Leistung enthüllt sich, was gelebtes Leben heißt und historische Aura meint.