Musik macht klugSeite 4/4

ZEIT: Was ist der Grund für diese Erosion?

BASTIAN: Die Informationsgesellschaft macht ihre Ansprüche geltend. Technologischem Wissen wird große Bedeutung beigemessen. Die Naturwissenschaften wollen nicht zu kurz kommen. Und die Fremdsprachen sind wichtig im gegenwärtigen Globalisierungsprozess. Man kann das alles ja auch verstehen. Aber es darf nicht weiter so einseitig in die Verhirnlichung der Schüler investiert und die Versinnlichung so vernachlässigt werden. Die Hinrichtung der Sinne im Medienzeitalter führt dazu, dass Sinngestaltung für uns zum Problem wird. Sinn, Denken, Bewusstsein kommt doch immer erst durch unsere Sinne in Gang.

ZEIT: Ihre Studie wird fast zeitgleich veröffentlicht mit der politischen Initiative, schnell alle Schulen ans Internet anzuschließen. Halten Sie das Projekt "Schulen ans Netz" für sinnvoll?

BASTIAN: Man soll die Schulen ans Internet anschließen, und man soll die Schüler musizieren lassen. Warum geht nicht beides? Wir können uns der technologischen Entwicklung nicht verschließen. Aber die Technologie darf nicht zu einem Ghetto werden. Die Demokratisierung der Musik durch die Medien hinterlässt ja auch positive Spuren. Es ist nicht mehr wie einst, dass die Kammerzofe nur durch einen Türspalt im Schloss Bachs Brandenburgisches Konzert mithören kann. Klassische Musik ist für jeden verfügbar. Vielen Kindern fehlen nur die ästhetischen Kategorien, mit Musik umzugehen. Wir müssen den Kindern die Angst nehmen vor dem Nichtverstehen verstehbarer Musik. Heinrich Roth hat einmal gesagt: Schule ist auch eine Art "Kontrastkonkurrent". Das heißt, wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder zu neuen ästhetischen Erfahrungen kommen. Erziehung ist auch Erziehung zur Erfahrung, zur Mündigkeit. Wir dürfen die Macht der Medien nicht zu unserer Ohnmacht werden lassen, sonst haben wir gegen MTV und Viva verloren.

Das Gespräch führte Claus Spahn

Die Studie "Musik(erziehung) und ihre Wirkung" erscheint in Buchform beim Schott-Verlag

 
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