Der Schreibtisch ist übersät mit Papierschnipseln. Tief über sie gebeugt, versucht Thomas Fick, die Stücke zu ganzen Seiten zusammenzusetzen. Was für andere Zeitvertreib, ist für den Nürnberger Broterwerb: Puzzeln. In der Außenstelle der Gauck-Behörde im fränkischen Zirndorf rekonstruieren Fick und seine 33 Kollegen Akten der Stasi, die kurz vor der Wende zerrissen wurden. Die Papierfetzen füllen mehr als 15 000 große Säcke. Bei gleichem Arbeitstempo wären die Zirndorfer noch 375 Jahre beschäftigt - wenn ihnen nicht der Computer zu Hilfe kommt. Mehrere Firmen haben inzwischen Softwarekonzepte ausgetüftelt, um die Puzzelei elektronisch zu bewältigen. Doch so verlockend das Angebot klingt, bei der Behörde stößt es merkwürdigerweise auf wenig Widerhall.

Dabei ist Johann Legner, Sprecher der Gauck-Behörde in Berlin, überzeugt, dass in den Schnitzeln spektakuläre Erkenntnisse schlummern: "Die Stolpe-Akten sind da mit hoher Wahrscheinlichkeit drin." Denn in den letzten Tagen der DDR, als die Stasi versuchte, möglichst viel brisantes Material zu vernichten, waren die elektrischen Aktenhäcksler bald überlastet und gingen kaputt. Was Mielkes Mannen nicht verbrennen konnten, zerfetzten sie per Hand. Unter den bereits rekonstruierten Blättern fanden sich IM-Berichte von Sascha Anderson über Jürgen Fuchs und Wolf Biermann, Material über das Untertauchen der RAF-Terroristin Silke Maier-Witt in der DDR. Da die Offiziere vor allem Akten aus dem eigenen Büro zerrissen, könne man aus den Papierfetzen einen typischen Arbeitsplatz bei der Stasi rekonstruieren, sagt Legner. Mit dem normalen Archiv sei das nicht möglich. Und die Schnipsel könnten weitere Informationen über das Finanzgebaren westlicher CDU-Politiker bergen, vermutet Rainer Raillard, der Leiter der Zirndorfer Gruppe.

Dass die zerrissenen Akten überhaupt rekonstruiert werden, ist einem Zufall zu verdanken. Seit die Asylbewerberzahlen Mitte der neunziger Jahre sanken, stellt das Bundesamt für die Anerkennung von Flüchtlingen überschüssige Mitarbeiter für die Gauck-Behörde frei, die nun mühsam Seite für Seite zusammenstückeln. Schichtweise holen die Zirndorfer die Schnipsel aus den Säcken. Da die Akten meist in Packen zerrissen und der Reihe nach in große braune Papiertüten gestopft wurden, finden sich in einer Lage meist alle Teile eines Blattes. Oft hängen noch mehrere Fetzen aneinander. "Solche kleinen Stapel sichern wir mit einer Büroklammer", erklärt Thomas Fick. Das helfe, die Seiten hinterher in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Zuerst sortiert er die Fetzen nach Papiersorte und Art der Beschriftung. Erst dann beginnt er sie zusammenzufügen. Hierbei sucht er zunächst die Randstücke. Manche Blätter sind nur ein- oder zweimal durchgerissen, die meisten bestehen indes aus 20 bis 30 Teilen. Den Rekord hält eine DIN-A-5-Seite, die in 98 Fitzelchen zerfleddert wurde. "Im Durchschnitt klebt ein Mitarbeiter zehn Seiten pro Tag zusammen", berichtet der Archivar Rainer Raillard.

Ein Computer schaffe zehn Seiten in Sekunden, sind sich Fachleute des Berliner Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik sowie der Firmen Siemens und SER einig. Siemens- und Fraunhofer-Forscher haben der Gauck-Behörde jeweils ein mehrere hunderttausend Mark teures Pilotprojekt vorgeschlagen, um das Sortieren des Schnipselbergs zu optimieren. SER bietet eine Komplettlösung an. Eine Demoversion ihrer Software hat die Firma aus Neustadt/Wied ebenso wie ihre Konkurrenten auf eigene Kosten erstellt.

Bei dieser Version sind die gescannten Schnipsel von 800 Schreibmaschinenseiten auf dem Laptop gespeichert. In wenigen Sekunden setzt der Rechner die ersten 36 Blätter zusammen. Allerdings sind die Seiten anders als bei den Stasi-Akten fein säuberlich zerrissen. Jede setzt sich aus genau acht mehr oder weniger viereckigen Teilen zusammen. Bekäme seine Firma den Auftrag, würde das Programm auch für andere Muster ertüchtigt, beteuert Werner Vögeli von SER. Einen Testlauf mit Stasi-Schnipseln hat es bereits überstanden.

Während sich die Programme von Siemens und Fraunhofer wie menschliche Puzzler an die geometrische Form der Fitzel halten, orientiert sich die SER-Software an der dreidimensionalen Struktur der Risskanten. Wenn man Papier zerreißt, hat die Kante ein charakteristisches Aussehen, je nachdem wie stark und in welchem Winkel man zieht und wie die Fasern im Papier ausgerichtet sind. "Das ist mindestens so eindeutig wie ein Fingerabdruck", behauptet Vögeli. Die einzelnen Stücke werden gegen einen roten Hintergrund gescannt. An mehreren tausend Stellen der Risskante ermittelt der Scanner die Helligkeitswerte. Schimmert bei einem Schnipsel 10 Prozent Rot durch, müssen bei dem dazugehörigen Stück logischerweise 90 Prozent rot leuchten. Stimmen die Werte zweier Teile oft überein, fügt der Computer sie zusammen.