Wenn zwei die gleiche Arbeit tun und nicht das gleiche Geld dafür bekommen, dann ist das nicht gerecht. Aber was heißt das schon? In Deutschland werden die Arbeitnehmer schon lange ungleich bezahlt, was viel mit der unterschiedlichen Wirtschaftskraft von Branchen und Regionen und wenig mit dem Fleiß der Einzelnen zu tun hat. Die Lohnfindung pendelt notorisch zwischen dem Zwang, diesen Unterschieden gerecht zu werden, und dem Wunsch, einen vergleichbaren Lebensstandard zu ermöglichen. Schlägt das Pendel zu sehr in die eine Richtung aus, gefährdet das den sozialen Zusammenhalt, andersherum stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Mittlerweile sagen selbst sozialdemokratisch geschulte Ökonomen, dass die Lohnspreizung noch größer sein müsste als bisher.

Wenn die Ostdeutschen länger arbeiten und weniger verdienen als ihre Kollegen im Westen, dann ist auch das nicht gerecht. Doch gerade im Osten wurde nach der Einheit dieser Konflikt zwischen dem ökonomisch und dem politisch Gebotenen bis an die Grenzen ausgereizt. Vor allem in den ersten Jahren näherten sich die Löhne schneller dem Nivau des Westens, als es wirtschaftlich gerechtfertigt war. Zuletzt hat sich dieser Prozess verlangsamt, nur gilt das leider auch für die ökonomische Aufholjagd der neuen Länder.

Nun gibt es wieder Streit. "Ost-Wut" hat Bild ausgemacht: "Wir wollen endlich West-Löhne!" Die ansonsten friedvolle Tarifrunde könnte im Osten aus dem Ruder laufen. Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes zum Beispiel fordern mehr als jene 86,5 Prozent des Westgehaltes, für die der Staatsdiener Ost heute auch noch anderthalb Stunden länger arbeiten muss. Die IG Metall, die zumindest beim Monatslohn formal das Westniveau schon erreicht hat, kämpft für kürzere Arbeitszeiten und vermögenswirksame Leistungen.

Man kann das Murren ja verstehen. Tatsächlich sind die realen Einkommensunterschiede zwischen West und Ost noch größer, als ein Blick in die Tarifverträge vermuten lässt (siehe Grafik Seite 31). Das Tarifgefälle treibt etwa in den Berliner Amsstuben mitunter absurde Blüten, und manche Unternehmen in den neuen Ländern sind produktiver und profitabler als die Pendants im Westen. Aber das bleiben Ausnahmen. Es grenzt an Agitation, wenn IG-Metall-Vize Jürgen Peters von den Ostlern als "Deutschen zweiter Klasse" spricht. Etwas mehr Nüchternheit bei der Betrachtung der Fakten darf man verlangen - und eines nicht vergessen: Das Verfassungsgebot der einheitlichen Lebensverhältnisse kann langfristig gefährden, wer diese kurzfristig erzwingen will.

Es mag Zufall sein oder listige Taktik, dass gerade in der vergangenen Woche die Ministerpräsidenten der Ostländer ihre Wünsche für die Zukunft präsentierten. Nach dem Auslaufen des Solidarpaktes im Jahr 2004 brauchen die neuen Länder demnach noch einmal eine Förderung von 400 bis 500 Milliarden Mark. Interessant sind die Begründungen, die sich die Regierungschefs von fünf renommierten Forschungsinstituten haben aufschreiben lassen: Die Wirtschaftskraft pro Einwohner liegt derzeit bei 63 Prozent des Westniveaus, die kommunale Steuerkraft bei 37 Prozent, die Ausstattung der Betriebe mit Ausrüstungsgütern bei rund 60 Prozent. Und da sollen die Löhne auf 100 Prozent steigen? Gerecht muss ein Lohn eben auch der Realität des jeweiligen Betriebes sein.

Gerechtigkeit in diesem Sinn werden die Gewerkschaften nur erreichen, wenn sie ein anderes Ziel ein wenig in den Hintergrund rücken lassen: die Gleichheit. Natürlich ist es legitim, wenn die Werktätigen der hoch effizienten Betriebe genauso viel verdienen wollen wie im Westen, aber das kann dann nicht für alle anderen gelten. Die amorphe Wirtschaftsstruktur des Ostens wird noch lange eine ebenso amorphe Lohnstruktur formen, ob die Gewerkschaften wollen oder nicht. Mit der normativen Kraft ihrer Tarifverträge ist es im Osten nicht weit her. Wem ihre Vorgaben zu streng sind, hält sich nicht daran. Lohnspreizung wird es also auch künftig geben, es liegt am Augenmaß der Gewerkschaften, ob sie die noch mitgestalten können.

In einem Punkt allerdings haben sie alle Unterstützung verdient: wenn sie dafür kämpfen, dass auch im Osten vermögenswirksame Leistungen gezahlt und zum Aufbau einer zusätzlichen Altersvorsorge genutzt werden. Denn die heutigen Ostrentner gehören zwar zu den Gewinnern der Einheit, weil lange und gleichmäßige Erwerbszeiten zu DDR-Zeiten ihnen heute im Durchschnitt höhere Ruhegelder bescheren als den Alten im Westen. Spätere Generationen aber werden von der latenten Krise der gesetzlichen Rente eingeholt werden.