Dschihad heißt der heilige Krieg. Jeder Tag und jede Nacht hier am Arabicum des Landesspracheninstituts Nordrhein-Westfalen (LSI) ist ein Kampf gegen das eigene Ich, gegen den Schlaf, gegen den Recorder mit den Sprachkassetten und bis an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Wie alle Sprachen, die man hier lernen kann, Russisch, Japanisch oder Chinesisch, ist das auf Englisch modern standard Arabic genannte Hocharabisch voller Tücken, eine Aufgabe, die den Kämpfern das Äußerste abverlangt. Ein Sammelsurium unaussprechlicher Begriffe muss bewältigt werden, eine für westeuropäische Rachen unzumutbare Fülle von Knacklauten, glottal stops, und tief in der Kehle gesprochenen Emphasen. Eingeübt werden muss der Sezierblick, der das Konsonantengerippe der Vokabeln seiner Flektionen, Präfixe und Suffixe entledigt und den Wurzelkern, die Radikale, herauspräpariert. Und nur schwer gewöhnt sich die schreibende Hand an die linksläufig in leicht absteigender Linie verlaufenden Kursiven.

Ganz Eifrige brüten noch nach 24 Uhr über ihren Büchern

Studiert wird von Montag bis einschließlich Samstag in 30 Wochenstunden, die durch ein breites Angebot von Vorträgen, Filmen und persönlicher Nachbetreuung seitens der Lehrer ergänzt werden. Der Umfang des Erlernten beträgt rund 1000 Begriffe und Redewendungen in Wort und Schrift. Die abendlichen Hausaufgabenstunden reichen im Normalfall bis 24 Uhr. Ganz Eifrige brüten noch viel länger über den Büchern. Am Morgen rücken die meisten mit einer Thermosflasche starken Kaffees zum Unterricht an - wie Ekkehart, der akkurate Jurist, auf den ein Arbeitsplatz bei einer Kanzlei in Dubai wartet, oder Karin aus Berlin, die im Irak einen Film drehen will.

Ingrid, die mit einem Pakistani verheiratet ist, hört sich die Klagen über die Schlafstörungen der anderen geduldig an. Bis in ihre Träume hinein fühlen sich die Sprachschüler verfolgt von Fragen nach Deklinationen, den Reihen der Kardinalzahlen oder Tempusformen, die auf so absonderliche Namen hören wie etwa Apokapat. Nur Bastian aus Witten, der Klassenbeste und viel Beneidete, ein so genannter Heimschläfer, bewältigt sein Pensum offenkundig im Schlaf.

Die Gruppen am LSI sind nie größer als acht Personen.

Wie nur bringt man es angesichts solcher Anforderungen am LSI zustande, dass sich die Studenten nach zwei, drei solcher Kurse im Zielland bewegen können wie Fische im Wasser? Wie schaffen sie das, was alle Universitätsseminare und Volkshochschulkurse oft nach Jahren nicht zuwege bringen? Diese Institution ist in der deutschen Bildungslandschaft einzigartig. Dank einer jahrzehntelangen Erfahrung und einer ausgefeilten Dramaturgie gelingt die wundersame Sprachvermehrung immer wieder. Konzentration heißt das Zauberwort.

Während etwa die klassischen Grammatiker Hunderte von Seiten benötigen, um ihr Wissen auszubreiten, begnügt man sich hier gerade mal mit einem 50-seitigen Kompendium. Und ohne die zahlreichen muttersprachlichen Lehrer ginge es gar nicht: ohne Hanna, die die fremde Sprache voll Inbrunst rezitiert, als singe sie in einem Bach-Chor, oder Ahmad, der in seiner Heimat politischer Verfolgung ausgesetzt war, und die Libanesin Marie-Christine, die nicht allein bei ihren Kindern Heiterkeit hervorruft, wenn sie erklärt, dass Banane auf Arabisch maus heißt