Das war zu erwarten. Nachdem im Fahrwasser der "evolutionären Erkenntnistheorie" bereits Titel wie Neuronale Ästhetik oder Neuronale Kunstgeschichte kursieren, liegt nun ein Buch vor, das Grundzüge einer evolutionären Ästhetik verspricht. Klaus Richter will unser ästhetisches Verhalten von seinen biologischen Grundlagen her verstehen. Auf die Naturalisierung der Epistemologie und der Ethik folgt nun eine Naturalisierung der Ästhetik: Nicht der Geist, sondern das Gehirn legt die Bedingungen und Möglichkeiten unseres ästhetischen Gefallens fest. Eine Theorie, die unter "Ausschluß der ethologisch-neurophysiologischen Basis agiert", so wird der bisherigen Ästhetik ins Stammbuch geschrieben, ist "uninteressant, denn sie ist unrealistisch".

Richter geht es um den Nachweis, "daß Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen vergleichbare Schönheiten favorisierten". In einer Durchsicht verschiedener Themenkreise möchte er ein "universell gültiges Alphabet ästhetischer Elemente" rekonstruieren. Das Ziel ist eine "universelle Grammatik der Ästhetik". Diese soll unser Geschmacksverhalten nicht allein erklären, sie soll auch dazu beitragen, es zu optimieren. Denn aus den angeborenen Prinzipien ergibt sich für den Autor recht unmittelbar, welche Lebensumgebungen und Lebensgestaltungen dem Menschen "adäquat" sind.

Wie einst bei Schopenhauer und Adorno ist auch diese Ästhetik zugleich eine Ethik. Das ist verblüffend. Der Mensch scheint sich nicht immer an die Regularien zu halten, die ihm von Natur aus eingegeben sind. Doch der Autor beeilt sich, die Wogen zu glätten: "Einem unsichtbaren elastischen Band gleich, wird diese biologische Bedingtheit in uns das ästhetische Verhalten aus allen denkbaren Eskapaden heraus auf jene Ebene zurückziehen, die für unsere artgerechte und arterhaltende Befindlichkeit maßgebend ist." Zu diesen Eskapaden zählen hier vor allem die Entwicklungen der modernen Kunst. Mit der Autorität eines Walter Sedlmayr, der nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" den künstlerischen und sittlichen Verlust der Mitte beklagte, wird nachgewiesen, dass Caspar David Friedrich ungleich "schöner" malte als der bloß "interessante" William Turner. "Symmetrie ist in jedem Falle wohltuend", heißt es einmal, als könnte nicht gerade das Symmetrische, drinnen wie draußen, innerhalb wie außerhalb der Kunst, außerordentlich öde sein.

Obwohl Richter wiederholt vor den Gefahren des Reduktionismus warnt, verfährt er durchweg reduktionistisch. Er setzt die allgemeinen biologischen Dispositionen des geschmacklichen Verhaltens, über die er vieles Aufschlussreiche zu berichten weiß, mit verbindlichen ästhetischen Orientierungen gleich. Dies aber ist nicht nur methodisch unzulässig, da aus dem Sein nun mal kein Sollen folgt, es ist auch sachlich verheerend. Denn sosehr ästhetische Attraktion in der Erfüllung tief sitzender sensorisch-sinnhafter Erwartungen liegen kann - sie kann ebenso sehr in ihrer Überschreitung bestehen. Alle die "universalen Einheiten" der perzeptiven und kognitiven Erfassung, die Richter aus der aktuellen Forschung zusammenträgt, sind experimentell ermittelte Durchschnittsreaktionen, aus denen kein einziges Urteil über ästhetische Qualitäten folgt. Das ironische Gemälde America's Most Wanted, das die russischen Künstler Komar und Melamid 1994 nach repräsentativen statistischen Erhebungen über die piktoralen Vorlieben der Bevölkerung der USA angefertigt haben, ist ein außerordentlich steriles Gemälde - wie sogar viele derjenigen zugeben könnten, deren Vorlieben die zugrunde liegende Umfrage erfasst.

Zu ermitteln, was viele als schön empfinden, ist eines. Zu sagen, was schön oder nicht schön ist, ist etwas ganz anderes. Die zentrale Aufgabe einer philosophischen Ästhetik, die Richter beerben möchte, aber ist weder das eine noch das andere. Sie versucht zu sagen, worin der innere Sinn der ästhetischen Wahrnehmung liegt: wie und wozu wir unsere naturgegebenen Prägungen ausspielen, wenn wir sie zu ästhetischem Verhalten nutzen. Für die Weite dieses Spielraums hat diese neue Ästhetik zu wenig Sinn.

* Klaus Richter: Die Herkunft des Schönen

Grundzüge einer evolutionären Ästhetik