Heute berichten wir mal wieder von einer Berliner Opernpremiere. Thierse war da, unsere Familienministerin glauben wir von weitem erkannt zu haben, und auch Christoph Stölzl, der nächste Kultursenator der Stadt, soll sich, hartnäckigen Gerüchten zufolge, Aug in Auge vom ganzen Ernst der Lage überzeugt haben - womit er Christa Thoben, seine Vorgängerin im Amte, bereits um 100 Prozent übertroffen hätte. Frau Thoben war nämlich nie in der Oper.

Und wie so vieles kann man ihr auch dieses kaum verdenken. Denn wäre ihr dort nicht der letzte Glaube an die Gattung geraubt worden, beispielsweise bei Giacomo Puccinis Manon Lescaut an der Komischen Oper in Berlin? Ein Orchester hätte sie kennen gelernt, das sich unter der Stabführung des Chinesen Shao-Chia Lü lautstark gegen jeden Anflug von Parfüm, gegen jegliche Italianità verwahrte. Einen Chor hätte sie bestaunt, dessen dürre Stimmchen man mit einem Reisigbesen hätte zusammenkehren können. Einen Des Grieux hätte sie erlebt (Jeffrey Dowd), der - Schrittbein, Standbein - viel von deutscher "Li-iebe" sang und sich stimmlich, wenn überhaupt, brüllenderweise behauptete. Eine Manon wäre ihr begegnet (Karin Babajanyan), die mit ihrem satten Sopran und einer operngerecht schwindsüchtigen Optik den Abend zeitweise zu retten versuchte. Und eine Inszenierung hätte sich ihr präsentiert (Michael Schulz), die es mit Puccinis großen, nackten Gefühlen so fürchterlich gut meinte, dass sie im Nu den abstrusesten Lächerlichkeiten anheim fiel. Lampions zum Liebesduett und Regen in der Wüste - gegen so viel Faust aufs Auge nahm sich die saubere Ästhetik von Dirk Beckers Bühnenbild fast wie ein Irrläufer aus. Aber so ist das eben in der Provinz: Man hält sich auf. Und mischt gern den einen oder anderen Einäugigen unter die Blinden.