Wer sich gut Telefonnummern merken kann, der wird sicherlich auch mit dem Kürzel MVRDV keine Probleme haben. Auf jeden Fall kann jeder Architekturstudent, der auch nur einigermaßen weiß, was derzeit hip ist, diese Buchstabenfolge fehlerfrei aufsagen. MVRDV ist der Name eines jungen holländischen Architekturbüros, und hinter dem abstrakten Namen verbergen sich drei Personen: Winy Maas, Jahrgang 1959, Jacob van Rijs, Jahrgang 1964, Nathalie de Vries, Jahrgang 1965. Sie gehören im Moment zu den unbestrittenen Popstars der europäischen Architekturszene. Wo sie auftreten, sind volle Säle garantiert. Sie gehören neben Ben van Berkel zu den international bekanntesten Vertretern der holländischen next generation.

Gemeint ist die Generation nach Rem Koolhaas, der zwar eine der wichtigsten Leitfiguren des weltweiten Architekturdiskurses ist, aber eben als überdimensionale Vaterfigur die jungen holländischen Architekten bis heute prägt. Das gilt selbst für die Marketingstrategien. Von Koolhaas kann man nämlich lernen, dass es für einen Architekten, der die Welt auf sich aufmerksam machen will, nicht mehr genügt, "gute" Architektur zu machen. Man muss auch intellektuell präsent sein, zu einem programmatischen Stichwortgeber werden, in die mediale Offensive gehen. Am besten mit einem Buch.

Koolhaas wurde durch sein Delirious New York berühmt. Als er dann 1995 das Monsterwerk S,M,L,XL veröffentlichte - fast 1400 Seiten stark und drei Kilo schwer -, war sein Status als Bibelschreiber für alle Zeit gefestigt. Seither hört man aus dem Mund schwarzgewandeter Architekturjünger zwischen New York und Singapur den einen Satz: We only read Rem.

Auch der Ruhm von MVRDV basiert nicht allein auf ihrer Architektur. Sie haben von Koolhaas gelernt und ihre Version von S,M,L,XL herausgebracht: FARMAX, mit knapp 800 Seiten immer noch ein ganz wuchtiger Wälzer. FARMAX hat nur ein einziges Thema: Dichte. Das Buch untersucht die Frage, wie man verhindert, dass sich der gestaltlose Brei des urban sprawl über die gesamte Fläche eines Landes ergießt, sodass am Ende keinerlei Zwischenzonen, geschweige denn Naturräume übrig bleiben. Kaum überraschend, fühlen sich vor allem die Niederländer von diesem Albtraum verfolgt: ganz Holland wie Los Angeles! Seit den achtziger Jahren droht Holland zur Karikatur einer Endlos-Suburbia zu werden: Jedes Dorf hat seine eigene Peripherie. Dann kommen die Tulpen- und Tomatenfabriken. Eine graue Masse von Unstädtischem erstickt das Land, und immer neue Wohnungsbauoffensiven erscheinen am Horizont.

Koolhaas hatte bereits 1993 einen radikalen Lösungsvorschlag. Gegen sprawl essen Land auf hilft nur die extreme Verdichtung an wenigen Stellen, möglicherweise nur an einem Ort. So schlägt Koolhaas vor, die gesamte Bevölkerung Hollands auf eine einzige Region mit der Dichte Manhattans zu konzentrieren, um so die verbleibenden 80 bis 90 Prozent der Gesamtfläche als unbesiedelten und unbebauten Freiraum zurückzugewinnen. Strawberry fields forever!

Verdichtung als Chance: Das ist der Grundgedanke, der auch in FARMAX in unendlichen Variationen durchgespielt wird. Alle möglichen und unmöglichen Extremszenarien werden entwickelt und skizzenhaft dargestellt, die Daten über Bevölkerungsentwicklung, Flächenverbrauch, Mobilität und Umweltqualität durchgepflügt und in Grafiken veranschaulicht. Computersimulationen, Fotoassemblagen, Comics, kräftige Farben und große Lettern: in diesem offensiven, manchmal fast popartigen Mix-Layout präsentiert sich ein Architekturbuch neuer Art. Vieles wirkt anregend, manches allerdings auch ein wenig beliebig, just for show: Seht mal, wie wissenschaftlich wir sind. Der programmatische Glaube an die wirklichkeitserschließende Kraft empirischer Daten erscheint naiv, passt aber zu einer Position, die sich von allen Ideologien fern halten will. Es geht um die Umorientierung von der horizontalen zur vertikalen Bau- und Siedlungsentwicklung. Wenn es dahinter eine Vision gibt, dann ist es nicht mehr die einer Urbanität durch Dichte, sondern im Gegenteil: Campingland soll es sein! Winy Maas ist Landschaftsarchitekt, und er zeigt uns Bilder von der Verwaldung der Stadt und von unbefestigten Straßen ohne Asphalt und Beton. Ohne die Umweltdiskussion der vergangenen 25 Jahre ist diese Position nicht zu verstehen.

Das Körnerparadies liegt neben der Autobahn