Selten hat der Büchner-Preis einen so würdigen Träger gefunden. Volker Braun, der ihn im Herbst von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung erhalten wird, kann nicht nur durch Größe und Glanz seines Werkes, sondern auch durch Stil und Stoffe, die Verschränkung von heißer Expressivität und kalter Analyse, von Verzweiflung und Ironie, vor allem aber durch sein obsessives Leiden an der verratenen, der niemals richtig ins Werk gesetzten und stets entgleisten Revolution einen Anspruch auf Büchners Nachfolge behaupten.

Volker Brauns Unvollendete Geschichte (1975) ist eine Leonce-und-Lena-Fabel unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus. Aber schon der Kipper Karl Bauch (1965) zeigte die Fortdauer entfremdeter Arbeitsverhältnisse ebenso wie der Hinze-und-Kunze-Roman (1984), der Partei und Staatsvolk im Verhältnis von Herr und Knecht vorführte.

Dass Volker Braun auch in der DDR die Revolution als eine verratene vorführte, hat ihm das Misstrauen von Kommunisten wie von Antikommunisten eingetragen

die einen vermuteten mangelnde Loyalität zur Partei, die anderen wunderten sich, wie er die DDR von links kritisierte. War dieser Dichter am Ende Trotzkist? Jedenfalls hatte und hat er einen geschärften Blick für die Verluste, die der Fortschritt erzeugt

schärfer könnte sie auch ein Konservativer nicht ins Auge fassen.

Die kritische Distanz zur DDR hat ihm das Erlebnis der Wende sehr erleichtert. Er hatte nichts zu revidieren

er konnte - profund und geistreich - trauern über das Ende einer schon längst in der Praxis ruinierten Hoffnung. Er sah, wie die beiden, von der Geschichte plötzlich demaskierten deutschen Staaten einander ähnelten: nämlich "wie ein Überraschungsei dem andern". Die berühmte Konkurrenz der Systeme war ihm nichts als die Konkurrenz unterschiedlicher Tarnkappen für dieselben ausbeuterischen Verhältnisse. Bei der westdeutschen, noch immer in der Logik des Kalten Krieges befangenen Literaturkritik hat ihm das wenig Freunde und Verständnis eingetragen.