Gottgefällig wollen wir die neue Kolumne beginnen, liebe Leser, das neueste Produkt redaktioneller Optimierung, Stillleben mit Buch, darunter an dieser Stelle Wiederentdecktes, Abgetauchtes, Aufgetautes und dergleichen mehr zu finden sein wird. Debatte natürlich, Wellness, Service, und durchgehend vierfarbig geschrieben sowieso.

Mit Gottes Segen also, hoffentlich - aber gottvoll ist schon diese Entdeckung aus der Schweiz auf jeden Fall: Kapuzinerleben von Pater Matthäus Keust (1828 bis 1898). Ein Selberlebensbrevier, Beichte, Anekdotarium, ein bisschen Ordenschronik auch, die "Erinnerungen eines törichten Herzens", wie es der Untertitel so richtig verheißt. Denn töricht und zugleich gläubig unverschämt gegen das Leben bleibt Keust bis zuletzt: "Man nennt mich einen Greisen, und ich bin es auch, und doch ist mein Empfinden, mein Denken, mein Fühlen, mein ganzes Wesen, als wäre ich erst in den schönsten Jahren meines Lebens. Ich kann nichts dafür."

Geboren im Kanton Solothurn, verbringt er, nachdem er mit 21 Novize geworden ist, sein ganzes weiteres Leben als Kapuziner in diversen Klöstern der deutschsprachigen Schweiz. Höhepunkt seines Erdenwallens bleibt allerdings eine Reise nach Rom, zum Papst, nach Assisi und Loreto (wo der fromme Mann dann doch ein wenig ins Frömmeln gerät).

Ein köstliches Buch. Naivität verbindet sich mit herzlicher Selbstironie zu reiner Lebensweisheit. Wir begleiten ihn auf seinen frühen, noch ganz simplicianischen Wanderungen ("In Art assen wir zu Mittag, und dort kam es mir ganz merkwürdig vor, dass ein Mann Käs in die Suppe schnitt. Das hatte ich noch nie gesehen") und erleben ihn bei seiner ersten Predigt, die er auf der Kanzel der Pfarrkirche von Vaduz halten muss: "Geschwitzt hatte ich schon beim Hinaufsteigen." Manches wird bloß angedeutet, die lieben Mitbrüder etc.

Doch gelingen auch hier famose Porträts: "Ein frommer, heiligmässiger Mann oder vielmehr Männchen war der kleine Pater Peter-Anton aus dem Wallis.

Entweder betete oder betrachtete er oder war im Beichtstuhl und hustete dazu und war immer beschäftigt und besorgte die schöne und grosse Bibliothek. So lebte er bis zu seinem Tode."

Er geigt der Angorakatze etwas vor, bis sie kreischend Reißaus nimmt, er kämpft mit seinem Toupet, das ihm "einige Male" während der Predigt in den Nacken rutscht, und vor allem fotografiert er tüchtig. Keust gehört zu den Pionieren der Kamera, und wir sehen einige bezaubernde Proben seiner Kunst: bärtige Brüder in ihren Kutten erstarrt, Dorfkinder, die schüchtern den Fotografierapparat peilen.