Man kann ein guter Arzt, ein treusorgender Vater, ein großer Gelehrter und ein Massenmörder zugleich sein. Fast alle Biografien der Mörder zeigen uns, dass der Riss mitten durch die Menschen geht, dass es keine klaren Grenzen zwischen den Mördern und den Guten gibt. In Auschwitz (und in den Ghettos und an den Erschießungsgräben, für die das Synonym Auschwitz steht) haben brave Bürger Listen erstellt, haben fahrplanmäßig Züge gefahren, haben in den Lagern "nur ihre Pflicht" getan, hatten dabei Urlaub und Feierabend und zwischen den Erschießungen auch Vesper- und Mittagspausen - und haben dabei das größte Menschheitsverbrechen begangen. Gerade diese Alltäglichkeit macht Auschwitz so barbarisch. Denn unter den Tätern waren viele, die vor und auch nach der angeblichen Stunde null wieder ganz normale, zivilisierte und kultivierte Menschen waren. Verstörend daran ist, dass ihrer Kultiviertheit und Normalität anscheinend nichts innewohnte, was Auschwitz widersprochen hätte, sondern dass beides nebeneinander bestehen konnte.

Deshalb bleibt für uns in der Welt nach Auschwitz stets das Menetekel, ob denn unsere Kultur und Zivilisierung heute stark genug sei, dass es nicht wieder passieren könnte. Ich persönlich glaube, dass es immer (noch) eine hauchdünne Eisschicht ist, auf der wir uns bewegen, und wenn das Eis bricht, dann werden die netten Kinderärzte und die freundlichen Leute von nebenan und wahrscheinlich auch wir selbst wieder einen kleinen Anteil daran haben, dass alles seinen Lauf nimmt.

Birger Laing, Marbach