Zwischen 1927 und 1929 gab es auf den deutschen Bühnen ein merkwürdiges Phänomen zu bestaunen: den Aufstieg und Fall der "Zeitoper". Kreneks Jonny spielt auf machte 1927 den Anfang, es folgten Weills Dreigroschenoper und Mahagonny, Hindemiths Neues vom Tage und 1929, mit Schönbergs Von heute auf morgen, war der Spuk schon wieder vorbei. Zwei Beiträge Stefan Wolpes blieben weitgehend unbekannt. Die "Musikalische Groteske" Zeus und Elida wurde erst 1997 uraufgeführt. Es ist die Geschichte vom Göttervater, der im hektischen Berlin seine Europa sucht und eine Hure findet. Die Groteske liegt in der Fallhöhe zwischen dem weltfernen Olympiken und der alltagsfixierten Berliner Schnauze. Vor allem aber liegt sie in der Musik: Sie ist eine aberwitzige Collage aus hohem und gesunkenem Kulturgut - aus Operngeschrei und Operettenschmalz, Jazz und Atonalität. Keine Sekunde Stillstand, Luftholen, Entspannung. Wolpes Musik rennt, als gälte es, 1000 Jahre Musikgeschichte in 25 Minuten abrollen zu lassen.

Das Problem mit der Zeitoper ist, dass ihre Halbwertzeit sehr kurz ist, dass ihre Witze schnell schal schmecken oder gar nicht mehr verstanden werden. Ein Beispiel: in der Kammeroper Schöne Geschichten gibt es die Geschichte von der Balzac-Ausgabe. Ein Herr kommt in den Buchladen und verlangt "die zwölfbändige Balzac-Ausgabe, Inselverlag, 1910, illustriert von Marquis des Bayros!" Der "Commiß" (auch so ein ausgestorbenes Wort) verschwindet, doch statt der gewünschten Bücher kommen zunächst ein junger Angestellter, dann ein älterer Angestellter, der Geschäftsführer, der Chef. Jedesmal wiederholt der Herr seine Bestellung, jedesmal kommt ein höheres Tier - schließlich ein Polizist: "Sie wollen?" - Der Herr: "Für zehn Pfennig Nägel!" Warum bloß? Der Booklet-Text redet vom "Statussymbol" Balzac-Ausgabe, der Witz (der heute kaum noch zünden kann) liegt aber bei den Illustrationen von Bayros, die man wohl als angewandte Pornografie bezeichnen muss. Sehr witzig ist er nie gewesen.

Auch hier ist die Musik äußerst dicht und fordernd und steht in bewusstem Widerspruch zur Banalität der Texte. Die Musiker der Ebony Band unter Leitung von Werner Herbers (Decca 460001) lassen nichts zu wünschen übrig, sie bieten leichtfüßig die raschen Figuren, bringen Swing in die freitonalen Linien, artikulieren die komplexen Rhythmen präzise und konzertieren virtuos miteinander. Die Stücke zeigen schon viel von dem Stil, den Wolpe im amerikanischen Exil entwickeln wird - dass Musiktheater für ihn dann kaum noch eine Rolle spielen wird, ist kein Verlust.