Eine Weinkur in der Wachau durchzukosten heißt nicht, dass man sich unbegrenzt Grünen Veltliner auf die Lampe gießen darf. Das nicht! Auch bei der Weinkur werden Blutwerte und Körperfett gemessen, Kalorien gezählt, die Arme gestreckt, der Rücken massiert, wird früh aufgestanden und das Herz auf Trab gebracht. Allerdings wird der Gast bei dieser Kur nicht mit alten Brötchen, kalten Güssen oder lauwarmem Kräutertee erschreckt. Er darf frühstücken, mittags ein Häppchen zu sich nehmen und abends viergängig tafeln: Tartar vom Weidelamm mit Paradeiser, klare Rindssuppe mit Gemüseperlen, Filet vom Bachsaibling auf Knoblauchspinat, Topfentörtchen mit Sauerkirschen. Und er darf dazu zwei, drei Achtel österreichischen Wein aus dem Kremstal oder der Wachau trinken - stahligen Riesling vom Urgestein, Neuburger, der einen Hauch von frischen Walnüssen ausatmet, oder Gelben Muskateller, der nach Frühling, nach Pfirsichen und blühenden Akazien duftet.

Ach, Grüner Veltliner und Gelber Muskateller! Nach jedem Schluck möchte man ein bisschen juchzen.

Wein, so schreibt der Arzt Dr. Reinhard Resch, der die Kur begründet hat, in Maßen und regelmäßig genossen, ist Medizin. Studien belegen die positive Wirksamkeit von 20 bis 30 Gramm Alkohol pro Tag auf Herz, Kreislauf, auf die Durchblutung des Immunsystems, auf Fettstoffwechsel, Infektabwehr, Gedächtnisleistung und vieles mehr. Schnaps ist weniger gemeint. Wein und Wellness reimen sich.

Beim ersten Abendessen im Steigenberger Hotel in Krems leistet mir Dr. Resch Gesellschaft, ein großer Mann mit leiser Stimme, der alle Witze über die Weinkur schon kennt. Im Gegenzug kann er Hunderte von Untersuchungen nennen, die den Wein als lebensverlängerndes Elixier preisen. Schon Sumerer, Hippokrates und Hildegard von Bingen verschrieben ihn gegen Melancholie und Impotenz.

Dass der Mensch sich zu seinem Wohlbefinden bewegen und gesund ernähren soll, ist nicht so neu. Dass die meisten Kuren und Diäten schlechte Laune machen, auch nicht. Fehlt die Lebensfreude, wird der Mensch jedoch malade. Deshalb: täglich Wein! In Achteln, nicht in Litern. Gut für Körper, Geist und Seele.

Zum Wohl!, sagt Dr. Resch und versenkt seine Nase im Glas mit dem Grünen Veltliner, Beerenauslese 1995. Und das soll keine Medizin sein?! Nach zehn Tagen in Dr. Reschs Kelter, dem Therapiezentrum im dritten Stock des Hotels, werde ich, so ist's versprochen, dem Leben spritzig, kraftvoll, harmonisch und reintönig zurückgeschenkt. Und sogar ein bisschen leichter.

Doch zuerst werde ich vermessen. Magister Vjeko Medjugorac, ein Sportwissenschaftler von ansprechenden Ausmaßen, markiert Wirbelsäule und Schultern mit weißen Klebepunkten. Dann muss sich die Probandin beugen und biegen. Dabei wird sie gefilmt. So aber sieht sie sich nicht gerne wieder.