Richtig oder falsch? Seit 13 Jahren thront Alan Greenspan über Amerikas Wirtschaft, seine Worte und Taten bewegen Investoren und Märkte. Kein Mann hat mehr Einfluss als der Chef der amerikanischen Zentralbank.

Falsch - wenn man das Wachstum in den USA und die Lust der Amerikaner am Aktienkauf zum Maßstab nimmt. Im Kampf gegen eine offensichtlich überhitzte Konjunktur erhöhte die Fed seit Juni fünfmal die Zinsen. Die Wirtschaft aber wächst weiter: Ende 1999 um 7,3 Prozent, so stark wie seit 16 Jahren nicht mehr. Für das erste Vierteljahr 2000 werden 5 Prozent vorausgesagt. Auch der Börsenrausch hält an. Zwar stürzten Microsoft und andere High-Tech-Werte diese Woche in den Keller. Der Dow Jones aber hält sich weiterhin relativ stabil.

Verkehrte Welt? Die Regeln der "alten Ökonomie" scheinen außer Kraft gesetzt.

Höhere Zinsen dämpften bisher weder die Konjunktur noch den Enthusiasmus der Aktienkäufer. Der Grund: die Technologiefirmen der "neuen Ökonomie" haben geringere Schulden als die Unternehmen der herkömmlichen Branchen und sind deshalb weniger empfindlich gegenüber steigenden Zinsen. Amerika boomt, weil es Milliarden in High Tech steckt - Investitionen, die nicht automatisch ausbleiben, wenn Alan Greenspan an der Zinsschraube dreht. Das ist nicht das einzige Dilemma des Fed-Chefs. Sein Ruf, die Wirtschaft stets auf Kurs zu halten, wird zum Hindernis. "Alan wird's schon richten", denken Aktionäre.

Greenspans magische Hand, so ihr Glaube, werde inflationsfreies Wachstum sichern und einen Crash verhindern. Seine Warnungen, dass dazu die Nachfrage vermindert werden muss, verhallen ungehört.

Dabei sind sie berechtigt. Die steigende Produktivität erlaubt der amerikanischen Wirtschaft ein inflationsfreies Wachstum von vielleicht vier, aber nicht fünf oder sechs Prozent im Jahr. Im Vertrauen auf Aktiengewinne gaben Amerikas Verbraucher bislang mehr Geld aus, als sie verdienten. Mit diesem Nachfrageschub hält das Güterangebot nicht Schritt, steigende Preise sind früher oder später die Folge.

Die Fed wird die Zinsen deshalb weiter erhöhen. Manche Experten sagen für das Jahresende ein Zinsniveau von sieben Prozent voraus. Das sollte dann reichen, um der Konjunktur Zügel anzulegen - und Alan Greenspans Reputation als Mann, der die Märkte lenkt, wieder herzustellen.