Das Land braucht Vorbilder, sucht nach Persönlichkeiten, die Vertrauen schaffen, vielleicht sehnt es sich sogar nach Identifikationsfiguren. Davon gibt es in der Politik nicht viele. Gibt es sie in der Welt der Unternehmen?

Wir stehen an dem Punkt, da die Marktwirtschaft in eine Markt gesellschaft umschlägt. Im Zentrum steht die Börse, und die Wortführer sind die Wirtschaftsführer - doch fast niemand sieht in ihnen Vorbilder. Im Gegenteil, mehr und mehr Manager laufen Gefahr, nicht länger ernst genommen zu werden. Das Fiasko in Frankfurt, über das alle lachen, nur nicht die Führungsspitze der Deutschen und der Dresdner Bank, ist der jüngste - aber nicht der letzte - Akt einer Tragikomödie: wunderbarer Stoff für die Presse, doch gewiß nicht das Zeug, aus dem man eine solide Volkswirtschaft macht.

Auf dem Spiel standen allerdings ein paar tausend Menschen, Schicksale und Arbeitsplätze. Und das ist der große Widerspruch, von dem kaum je die Rede ist: Topmanager predigen gern, dass Deutschland mehr Mut zum Risiko brauche, sie wenden sich gegen die Vollkasko-Mentalität, zu Recht. Der Haken an der Sache ist, dass kein anderer Berufsstand in der Bundesrepublik so gut abgesichert ist wie die Zunft der Manager. Es müssen nicht immer 58,8 Millionen Mark sein, die der Mannesmann-Chef zum Abschied erhalten soll. Aber diese 58,8 Millionen erklären, warum die Deutschen - trotz der Ökonomisierung ihres Lebens - die Manager nicht übermäßig bewundern. Klaus Esser jedenfalls darf bei allen seinen Verdiensten um Mannesmann wohl nie mehr fordern, dass Arbeitnehmer Lohnzurückhaltung üben sollten - das wäre zwar richtig, aber unglaubwürdig.

Es ist an der Zeit, vom Eigeninteresse der Manager zu sprechen. Nicht jede Fusion, die sie beschließen, hilft dem Unternehmen, aber jede nützt dem Topmanager und seinen Gefolgsleuten; sie erhoffen sich mehr Macht, Prestige und Schutz vor einer feindlichen Übernahme. Doch im Zuge der Globalisierung spricht nicht nur die Strategie für Fusionen, sondern auch diese Erfahrung: Gehälter, Tantiemen und sonstige Vorteile werden dabei immer nach oben angepasst - und zwar steil nach oben, wenn der Ehepartner ein amerikanischer Konzern ist, dessen Manager in aller Regel ein Vielfaches ihrer deutschen Kollegen verdienen.

Shareholder-Value? Auf jeden Fall kommt die "Manager-Value" nicht zu kurz. "Zuviel Selbstbedienung", mahnte etwa das Handelsblatt seine Leser. Steigen Aktienkurs und Marktwert des Konzerns, dann steigen auch die Einkünfte seiner Manager - ganz gegen das Leistungsprinzip, das sie sonst hochhalten. Oft werden sie für Leistungen belohnt, die sie gar nicht erbracht haben: für eine Hausse an der Börse, die weniger mit ihrer (guten) Arbeit zu tun hat als mit dem gegenwärtigen Fieber. Mitnahmeeffekt nennt man das, und man darf ein Managergehalt darauf wetten, dass - sobald an der Börse eine lange Baisse einsetzt - das Vergütungssystem geändert wird und die Gehälter weitgehend vom Aktienkurs entkoppelt werden.

Doch wie wird das geschehen? Auf einfache Art und Weise. Die Aufsichtsräte befinden über die Managerbezüge, wobei die meisten Aufsichtsräte selbst Manager sind - in anderen Konzernen: Wer da die Kollegen bedenkt, denkt an sich selbst. Und dieser Umstand trägt nicht eben zur Lohnzurückhaltung auf den Chefetagen bei. Das ist Gift für den Mittelstand, der viel mehr Arbeitsplätze schafft als die Konzerne, aber nicht mithalten kann im Wettkampf um den vergoldeten Manager, deshalb mehr und mehr um seine besten Führungskräfte bangen muss.

Was gut ist für die Manager, ist nicht von vornherein gut für ihre Firma, geschweige denn für das Land. Viele fühlen sich gleichsam als Söldner im Wirtschaftskrieg, der ausgebrochen ist: Millionen machen, so rasch wie möglich, denn jederzeit kann sie das Schicksal ereilen. Wo der eigene Konzern immer schneller immer mehr Geld verdienen soll, wollen die Männer (und die paar Frauen) an der Spitze das auch. Oft genug betreiben sie Raubbau am Unternehmen; sie zehren an der Substanz, mindern die Zukunftschancen, verkaufen viel Tafelsilber und investieren zu wenig - damit sofort die Zahlen glänzen: die Zahlen in der Gewinnrechnung und die auf dem eigenen Konto. Anstelle der Unternehmensstrategie tritt die Eigenstrategie der Manager.